176 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Hartmuat und Werinbert, in der zweiten mit der Heimatbezeichnung undder Standesbezeichnung: Otfridas Uuizanburgensis monachus; endlichin der Adresse des lateinischen Schreibens an den Erzbischof Liutbert von
Mainz lesen wir wiederum Namen und Stand: Otfridus ___ monachus
presbyterque.
Der Name Otfrid begegnet auch in zwei Weißenburger Urkunden. 1 )Die eine, die kein Datum hat, trägt die Unterzeichnung des Schreibersego Otfrid scripsi, die andere, datiert vom 29. September 851, die doppeltvorhanden ist, hat als Unterschrift die Worte ego Otfridus scripsi et sub-scrlpsl. Der Schreiber, wenigstens der zweiten, ist höchst wahrscheinlichunser Dichter gewesen.
Schließlich ist noch zu erwähnen, daß in einer Sammlung lateinischerGedichte des 10. Jahrh., die von Weißenburger Mönchen handeln und ausdiesem Kloster stammen (Leucopolls), eines auf einen Lehrer der Kloster-schule Otfridus verfaßt ist (Dümmler, Z. f. d. A. 19, 117 Nr. VII). Aber es istsehr fraglich, ob damit gerade unser Dichter gemeint ist.
Auf Grund dieser Zeugnisse läßt sich das Leben Otfrids kurz in folgendeDaten fassen: er war um das Jahr 800 in der Gegend des Klosters Weißen-burg im Unterelsaß geboren, war Schüler des Klosters Fulda zwischen 820und 830, wo er seine wissenschaftliche Bildung von Hrabanus Maurus er-hielt. Er lebte als Mönch im Kloster Weißenburg, schloß daselbst sein Werkab zwischen 865 und 870 und wird nicht gar lange danach gestorben sein.
Über die Veranlassung und den Zweck seines Evangelienbuchesäußert sich Otfrid in dem Sendschreiben an den Erzbischof Liutbert (Erd-mann S. 4Z. 5 ff.): zur Abfassung seines Werkes wurde er bewogen durchdie Bitten einiger erwähnenswerter Brüder (vgl. auch V, 25, 8) und besonderseiner verehrenswürdigen Frau namens Judith. Das also wären die Veranlassergewesen. Aber man darf solchen außerordentlich häufigen Angaben, daßein Verfasser zu seinem Werk erst von andern aufgefordert worden seinwill, 2 ) keine zu große Bedeutung beimessen. Das sind oft nur stilistischeBestandteile, die zur Technik gehören, in Nachahmung römischer Sitte,Höflichkeitsbezeugungen, im Mittelalter zugleich Äußerungen der Demut,indem der Autor damit die Ehre seines Unternehmens von sich ablenkenwill. Feststellen können wir die Persönlichkeiten der von Otfrid nur sounbestimmt angedeuteten Veranlasser nicht. Mit den qulbusdam memoriaedignis fratribus sind jedenfalls Mönche gemeint. Man hat an die St. GallerFreunde Otfrids, Hartmuat und Werinbert, gedacht. 3 ) Unter der venerandamatrona Judith hat man verschiedene Frauen des kaiserlichen Hauses, unterandern die Witwe Ludwigs des Frommen (f 843), vermutet. Aber so hoch-
') Pipers Ausgabe, Einleitung S. 5 f.
2 ) Schönbach, Z. f. d. A. 39,377 ff.
3 ) Es kommt darauf an, was memoriae dig-nis genau bedeutet: entweder „rühmwürdig"(Erdmann S. LV) oder „wert, daß man ihrer
gedenkt" (Saran, Vortragsweise S. 29), dannkönnen sie noch als lebend gedacht sein; oder:des Andenkens würdig (Schönbach, ZA. d. A.39,377), in welchem Falle die beiden St. Gallernicht in Betracht kommen.