B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 175
illustrium virorum anno 1495 und in andern seiner Werke. Fortan ist dasInteresse für den bedeutendsten Dichter der and. Literatur nicht wiedererloschen. 1 )
Die dürftigen Nachrichten, die wir über Otfrids Leben haben, entnehmenwir fast nur den vier Widmungen, die er seinem Evangelienbuch bei-gegeben hat. Sie sind gerichtet an König Ludwig den Deutschen 843—876,an den Erzbischof Liutbert von Mainz 863—889, den Bischof Salomo I. vonKonstanz 839—871 und an die Mönche Hartmuat und Werinbert von St. Gallen.Als Zeit der Vollendung des Evangelienbuchs ergeben sich danach dieJahre 863 (terminus post quem), in welchem Liutbert Efzbischof von Mainzwurde, bis 871 (terminus ante quo), da in diesem Jahr Salomo von Kon-stanz starb. 2 )
Die Widmungen gewähren weiterhin einen, wenn auch nur spärlichen,Einblick in Otfrids Beziehungen zu Männern seiner Zeit. In dem Schreibenan Liutbert, das die meisten persönlichen Notizen enthält, nennt er alsseinen Lehrer Hrabanus Maurus: a Rhabano Mauro venerandae memorlae...educata parum mea parvitas est (Ad Liutb., Erdm. S. 7,123 ff.), der von 804bis 822 Lehrer der Klosterschule war (s. oben S. 83). Auch Salomo I. von Kon-stanz hatte, wie aus der Widmung an ihn hervorgeht, Einfluß auf seine wissen-schaftliche Erziehung, doch spricht er sich über die Zeit und den Ort ihresZusammenseins nicht aus. Vielleicht war Salomo in seiner Jugend, aberdoch als älterer Genosse, mit Otfrid zusammen in Fulda. Mit den MönchenHartmuat und Werinbert von St. Gallen stand Otfrid schon dadurch innäheren Beziehungen, weil die Klöster Weißenburg und St. Gallen durchGebetsbrüderschaft verbunden waren {confratemitas, Verpflichtung, gegen-seitig sich in die Gebete einzuschließen und die Gedächtnistage der ver-storbenen Brüder zu feiern). Aber sie scheinen in persönlichem Freund-schaftsverhältnis gestanden zu haben, das wohl ebenfalls bei gemein-samem Studienaufenthalt in Fulda sich begründet haben mochte. Hartmuatnahm in seinem Kloster eine führende Stellung ein, er war Vorsteher derKlosterbibliothek und nachmals Abt, von 872—884. Über Werinbert istnichts Sicheres auszumachen, da der Name mehrfach in St. Galler Urkundenvorkommt.
Seinen Namen finden wir in den Widmungen (s. unten) an denBischof Salomo von Konstanz: Otfridus und an die St. Galler Mönche
J ) Geschichte der Otfridforschung: Rud.v. Raumer, Geschichte der germanischen Phi-lologie, München 1870, passim; Paul, Ge-schichte der germanischen Philologie in PaulsGrundr. 2 , Straßburg 1897, und Sonderabdruck,s. Register S. 16; Hoffmann, Fundgruben 1,38—47; Kelle, Otfrid 1, Einleitung S.99ff.
2 ) Früher glaubte man den Zeitraum engerbegrenzen zu können. In der Widmung anKönig Ludwig v. 29 wird dieser gepriesen,weil friedsame Zeiten unter seiner Regierung
herrschten. Da solches aber nur auf die Jahre865—868 paßte, so käme diese Frist als Ab-schlußtermin des Werkes in Betracht. AberSchönbach hat nachgewiesen (Z. f. d. A. 39,3721), daß solche Friedenspreisungen zumHuldigungsstil der Fürsten gehörten. Sie sindin den Literaturen des Mittelalters ganz ge-läufig und stammen aus der Literatur desrömischen Kaiserreichs (vgl. übrigens auchdie germanischen Personennamen Fridurich,Sigufrid).