174 II. Dm Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
rheinfränkische Weißenburger Sprache umgesetzt in seine heimische undzwar anfangs weniger, später aber, von Buch III an, durchgreifend.
D. der Codex Discissus, der zerschnittene Codex, Perg. 9. Jh., Frag-mente einer Pergamenthandschrift in quart, deren Blätter einzeln heraus-geschnitten und zu Bucheinbänden verwendet wurden oder werden sollten.Erhalten sind 12 Doppelblätter und 5 halbe Blätter (wieder aufgefundenin den Jahren zwischen 1762 und 1824). Die Bruchstücke befinden sichin drei verschiedenen Bibliotheken: Berlin, Kgl. Bibliothek, Ms. germ.quart 504, fünf Doppelblätter und fünf halbe Blätter; Wolfenbüttel, Herzogl.Landesbibliothek Nr. 131. 1. Extr., vier Doppelblätter; Bonn, Universitäts-bibliothek Cod. 499 (78) fol., drei Doppelblätter.
Die Blätter sind von einem Schreiber geschrieben und zwar war Vdie Vorlage. Die Schrift ist sehr sorgfältig, die Einrichtung der Hs., diemit V übereinstimmt, vornehm. Die rhythmischen Akzente entsprechendenen von V, Korrekturen sind spärlich vorhanden. Die Sprache ist süd-rheinfränkisch. Nach allen diesen Anzeichen zu schließen ist D ebenfallsin Weißenburg geschrieben worden.
Von weiteren, nun verlorenen Handschriften lassen sich noch Spurenverfolgen, die aber zu keinem sicheren Ergebnis führen.
Die Überlieferung von Otfrids Evangelienbuch ist sehr gut. DieOriginalhs. ist selbst noch erhalten (V) und außerdem sind zwei der andernHss., P und D, vorzügliche Abschriften des Originals. Die beiden Haupt-handschriften V und P weichen im Text wenig voneinander ab. Die meistenVarianten betreffen die rhythmischen Akzente, die Elisionspunkte, dann auchdie Orthographie.
Der Stammbaum der Hss. ist:
V
(unter Be-nutzung von P)
Über des Dichters Leben 1 ) haben wir keine andern Quellen als seineigenes Werk. Er wird von niemand als Dichter genannt, weder von denZeitgenossen noch von den kommenden Generationen des Mittelalters. Mitder Wiederbelebung der historischen Studien durch den Humanismus im16. Jahrhundert wird er Gegenstand der Forschung. Der erste, der vonihm berichtet, war Trithemius, der gelehrte, aber wissenschaftlich unzu-verlässige Abt des Klosters Spanheim (bei Kreuznach) in seinem Catalogus
') Lachmann, Ersch und Grubers Allge-meine Enzyklopädie der Wissenschaften undKünste, Abtheil. 3 Bd. 7, Leipzig 1836, und Kl.Sehr. S. 449—460; W. Wackernagel, Elsässi-sche Neujahrsblätter für 1847, S. 210—237 u.Kl. Sehr. 2,193—212; Martin, Allgem. deut-sche Biographie 24,529 ff.; Steinmeyer, Real-
enzyclopädie für Theologie 3 14,519ff.; Schön-bach, Otfridstudien I—IV, Z.f. d. A. 38,209 bis217.336—361. 39, 57—124. 368—423. 40,103bis 123 (besonders 39,375—390); s. außerdemdie Einleitungen der Ausgaben von Kelle 1,3—23; Piper 1 S. 1— 42; Erdmann S. LI1I ff.;Piper, Beitr. 8, 244—250.