B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 173
P war in der Bibliothek des Ulrich Fugger in Augsburg, wo sie 1560der dortige Arzt Achilles Pirminus Gassar abschrieb (es fehlten damalsschon die oben erwähnten Blätter), nach dessen Manuskript die ersteOtfrid-Ausgabe von Matthias Flacius Illyricus 1571 besorgt wurde. 1 ). NachFuggers Tode (1584) kam seine Bibliothek und damit auch P nach Heidelbergin den Besitz der Pfälzer Kurfürsten.
F, der Codex Frisingensis, die Freisinger oder Münchener Hs., Cgm. 14der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München, Perg., quart, kam dahinetwa 1804 aus der Dombibliothek in Freising. Bekannt wurde sie zuerstdurch den Humanisten Beatus Rhenanus, der sie 1530 fand, während erauf der Suche nach den verlorenen Dekaden des Livius war. Der Schreiberendigt seine Arbeit mit einem Gebet (Gebet des Sigihard, s. unten) und läßtdarauf als Abschluß das lateinische Distichon folgen: Waldo episcopasistud evangelium fieri jussit, Ego Sigihardus indignuspresbyter scripsi. 2 )Daraus lernen wir den Namen des Schreibers kennen: es war der PriesterSigihard; besonders aber den Veranlasser und die Zeit der Abfassung: Waldowar Erzbischof von Freising 884—906. Er hatte mehrfache Beziehungen zuKirchenfürsten und Klöstern, mit denen auch Otfrid in Verbindung stand.Er war Bruder des Bischofs Salomo III. von Konstanz (890—920), Großneffedes Konstanzer Bischofs Salomo I. (839—871), war Schüler des KlostersSt. Gallen, bekannt mit Erzbischof Liutbert von Mainz (863—889) undbefreundet mit dem Erzbischof Hatto von Mainz (891—913), der zugleichAbt von Weißenburg (seit 902) war. Daß aber Waldo tatsächlich ein Exemplardes Evangelienbuches von dem Kloster Weißenburg entlehnte, kann fest-gestellt werden. In einem Ausleiheverzeichnis der Weißenburger Kloster-bibliothek (10. Jahrh., Cod. 35 zu Wolfenbüttel) ist nach dem Jahr 893 ein-getragen, daß ein Evangelium theodiscum (euangl. theodiscum) ausgeliehenworden ist, der Name des Empfängers ist 'Frisingensis episcopus' (dieganze Stelle ist ausgekratzt, aber das Angegebene noch leserlich 3 ). Sigihardwird also die Hs. zwischen 902 und 905 geschrieben haben.
Die Handschrift F enthält den ganzen Text außer den Widmungenund dem 2. Kap. von Buch I. Sie ist ebenfalls unmittelbar aus V ab-geschrieben, außerdem aber muß auch P benutzt worden sein, da F mit Peine Anzahl von V abweichender Stellen gemein hat.
Der Text von F steht an Zuverlässigkeit hinter dem von V und Pzurück. Abweichungen sind teils Nachlässigkeitsfehler, teils absichtlicheÄnderungen. Der Dialekt ist bairisch, der Schreiber hat also Otfrids süd-
und ganzen zuerst V, dann P, so daß also Pden endgültigen vom Dichter als korrekt be-trachteten Text enthalte, weshalb P die Grund-lage für den kritischen Text bilden müsse,wonach Piper auch seine Ausgabe eingerichtethat; vgl. Erdmann, Z. f. d. Phil. 11,80—126;über die Wiener und Heidelberger Handschriftdes Otfrid s. oben im Lit.Verzeichnis.
*) E.Dümmler und Edw. Schröder, Zumersten Bekanntwerden Otfrids, Z. f. d. A. 44,316—319.
2 )MSD. II 3 , 90.
3 ) Kelle, Ausgabe Bd. 2, Einleitung S. X VIbis XIX; Otto Lerche, Zentralblatt f. Biblio-thekswesen 27, 441—450.