170 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
geht der Dichter über den Rahmen der Vulgata hinaus, indem er Kain nichtnur zeitliche Strafe zuerkennt, sondern zum Schluß die Aussicht auf Rachein der Hölle eröffnet.
Andere sachliche Abweichungen betreffen den Bestand des Stoffes.Einige Stellen, die der Auffassung des Dichters anstößig waren, sind aus-geschieden. So mochte das Lachen E$a6 bei der Verkündigung Isaaks seinGefühl für Sitte, die Schamlosigkeit der Sodomiter das für Sittlichkeit ver-letzt haben. Freilich wird durch Ausschaltung von Einzeltatsachen die Er-zählung auch ärmer an epischen Momenten.
Die Genesis ist die Äußerung einer Unterströmung im germanischenChristentum, in der die nationale Empfindungsweise gegenüber dem Dogmaeine freie Stelle behauptet.
Der Verfasser. 1 ) Da der germanische Erzählungsstil typisch ist undseine Formen Gemeingut der Volkssänger waren, so läßt sich aus densprachlichen Verhältnissen nicht leicht ein sicherer Schluß auf die Verfasser-schaft ziehen; Genesis und Heliand konnten deshalb leicht ein und dem-selben Dichter zugeschrieben werden. Es bedurfte erst genauer Einzelunter-suchungen, um ausschlaggebende trennende Merkmale festzustellen. ImSprachgebrauch, Wortschatz und in der Wortbedeutung weicht die Genesisverschiedentlich vom Heliand ab, der Satzbau, die Variationstechnik und dieVerskunst 2 ) sind weniger geschickt, die gesamte Ausführung ist gedanken-ärmer und wortreicher. Das Ergebnis ist: die Genesis hat viele Schönheiten,aber damit wechseln recht weitschweifige Partien. Der Dichter war wenigergewandt als der des Heliand, er war ein Nachahmer von ihm. — Sein Werk,die Geschichte des Alten Testaments, wurde früh mit dem Heliand vereinigt.Ein solcher Kodex lag dem Schreiber vor, der die Exzerpte in die Hs. Veintrug, denn seine Stücke gehören sowohl zur Genesis als zum Heliand.Und wohl auch der Bericht der Vorreden, daß der Helianddichter beide Testa-mente übersetzt habe, ist in einer solchen aus der as. Genesis und demHeliand zusammengesetzten Handschrift begründet.
Der Heliand und die Genesis sind die einzigen erhaltenen Werke einernational-christlichen Literatur im Altsächsischen. Sie war nur kurze Zeitin Blüte. Gegenüber der streng kirchlichen, das Volkstümliche bekämpfendenRichtung im östlichen Frankenreiche konnte sie sich nicht erhalten. Aberdie im Geist und in der Form fremdartige fränkische Reimdichtung fand bei
') Sievers, Der Heliand und die ags. | der, Z.f.d. A.44,223—232; Jellinek, Z.f.d.Genesis S. 15.21—23, und Braune, N. Heidel- l A. 39, Anz. 21,204 ff.; H. Gering, Z. f. d. Phil,berger Jahrb. 4, 234 (Sonderabdruck S. 34) 33,433—437; bes. Behaghel, DerHeliand und
hielten den Genesisdichter und den Heliand-dichter für ein und dieselbe Person. Sievershat später, Z. f. d. Phil. 27, 534—538, ange-nommen, der Dichter der Genesis sei einSchüler des Helianddichters. Erwiesen ist jetztaus dem Stil, daß beide Gedichte von ver-schiedenenVerfassern herrühren: Ed w. Schrö-
die as. Genesis, Gießen 1902; ferner Jellinek,Z. f. d. A. 47, Anz. 29,31—34; Fritz Pauls, Stu-dien zur as. Genesis, Diss. Leipzig 1902; der-selbe, Zur Stilistik der as. Genesis, Beitr. 30,142bis 207; Braune, Zur as. Genesis, Beitr. 32,1—29.
2 ) Kögel, LG. 1, Ergänzungsheft S. 28-70.