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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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B. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 169

schon wieder verlassen und wird im folgenden nicht mehr betreten. Volks-tümlich sind dann immer nur einzelne Züge und stilistische Formeln. So istKains Brudermord eine Verletzung des Treuverhältnisses gegen Gott, as. Gen.66, vgl. 73; Abraham ist der Hörige, der Lehensmann Gottes 169 ff.; Lothist ein Mann von edlem Geschlecht 260. 264. 295. 331; gut geht es demManne, der mit Hulden seinem Herrn dient 113; des Mannes Eigenschaftensind Stärke und Wortklugheit 189f.; die Söhne sind die Erbwarte 99; dieMenschen leben im Licht 76. 92. 128. 135. Auch hier sind Naturstimmungeneingestreut und in der Ausmalung des Bildes vom Wetter kommt die tra-ditionelle Kunst zur Geltung (ags. Genesis 805 ff., as. Gen. 285 ff.).

In allem dem ist nur das Äußere der Vorlage stilistisch umgeformt.Tiefer gehen einige sachliche Änderungen. Die Beurteilung der Schuld Adamsund der Eva beim Sündenfall ist wesentlich gemildert durch eine menschlichpsychologische Erklärung. Ihr Fehler liegt in zu großer Vertrauensseligkeit,die mehr auf einem Mangel des Intellekts als des Willens beruht: sie schenkendem Boten des Teufels Glauben, daß er ein guter Engel sei, ein AbgesandterGottes, in seinem Auftrag komme und ihnen dessen Gebot, das Obst zuessen, überbringe. Die Schuld des Ungehorsams wird damit bedeutend ein-geschränkt, denn sie sind überzeugt, nicht gegen Gottes Willen zu handeln.In seinem naiven Gerechtigkeitssinn sucht der Dichter eine Erklärung dafür,daß der ewige Gott die Verführung des Menschen durch den Teufel zuließ, undfindet keine andere als: das ist ein großes Wunder (ags. Gen. 595 ff.). Eine solcheFrage und eine solche Entscheidung bei diesem Gegenstand sind gänzlichundogmatisch. Hiermit nähert sich der Genesisdichter geradezu dem Pela-gianismus und weicht völlig ab von der durch Augustin begründeten kirch-lichen Auffassung, denn die kennt keine Entschuldigung für den Ungehorsamdes ersten Menschenpaares. Die Ursache des Obstessens ist nicht eine Ver-blendung der Einsicht, sondern ist der freie Wille, ist der Übermut, dieSuperbia, die ärgste der Todsünden, verbunden zugleich mit einer andern,der Fleischeslust, der Luxuria. Die Abgefallenen verzehren sich dann injammervollen Vorwürfen und der Dichter erlebt ihre Seelenbewegungen mit,die wühlende Reue über die Untreue gegen den Herrn. Es ist das gleichepsychologische Motiv, das der Helianddichter bei Petri Verleugnung zu soerschütternder Wirkung bringt. Also auch hier eine volkstümliche Um-gestaltung der biblischen Geschichte.

Der Dichter bringt uns die Gestalten des Alten Testaments menschlichnäher, er entrollt Seelengemälde, er findet charakteristische Merkmale. Adamist die stärkere Natur, er lehnt den Verführer ab, aber der Sinn des Weibesist weicher (649), und als sie ihr Elend einsehen, da wehklagt und heultEva (770), Adam spricht nur Jammerworte. Im Gegensatz zu den von bittererReue ergriffenen Eltern ist Kain der verstockte Sünder ohne Gewissen. SeineUntat, die Treuverletzung gegen Gott, rührt ihn nicht, obgleich er erkennt,daß er gesündigt hat und daß ihm dafür die Strafe werden muß. Auch hier