168 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
den Schluß der zweiten Fitte: Adam und Eva im Paradies; 2. und 3. v. 246bis 337 = dritte Fitte und v. 338—441 — vierte Fitte: der Sturz der Engel;4. v. 442—851 = fünfte Fitte: der Sündenfall. Darauf folgen dann die beidenBruchstücke von V: I. Adams Rede, eben das, welches auch in der ags.Genesis enthalten ist; II. Kain; III. Sodom.
Quelle ist zunächst die Vulgata. Aber für die außerbiblische Legendevon dem Sturze Satans (s. Wessobrunner Gebet, oben S. 136) hat der Verfasserdes Alcimus Avitus, Bischofs von Vienne (um 500), Gedichte De originemundi und De originali peccato benutzt (Migne 59, 323—338); für die Ge-schichte Adams vielleicht die apokryphe Vita Adae et Evae. 1 )
Der Dichter behandelt seine Quelle mit großer Freiheit. Seine Technikbesteht im allgemeinen darin, daß er den Umfang bedeutend erweitert. Abernicht, indem er neue Gedanken bringt, sondern dadurch, daß er den ge-gebenen Stoff sehr in die Länge zieht. Die erzählenden Teile werden weiterausgeführt, besonders aber erhalten die Reden, die Monologe und Dialoge,einen das Maß der Vorlage um ein vielfaches überschreitenden Umfang.Uns mag des Redens zu viel sein, aber es gehört zum Stil und in den Ge-sprächen wird auch die Handlung oft weitergeführt. In sie ist gerade derpoetische Schwerpunkt gelegt und sie gehören zu den erhabensten Stückendes Gedichtes. Einen Mangel an Kompositions- und Erfindungsgabe zeigenaber doch z. B. die Verhandlungen zwischen Gott und Abraham: es sind nurumständliche, ins Breite gezogene Paraphrasen des gegebenen Themas. DieReden gehen oft nicht organisch aus dem Stoff hervor, und hierin liegt einUnterschied gegen den Heliand, wo sie entweder notwendig zum Fortgangder Handlung gehören oder die von Jesu gesprochenen Lehren enthalten.
Wie im Heliand ist der biblische Inhalt im Stil des germanischen Eposdargestellt. Aber während die Erzählung von Jesus und seinen Jüngern biszu einem gewissen Grade eine einheitliche germanische Färbung trägt, in-dem sie sich in das Verhältnis vom Gefolgsherrn und seinen Getreuen ein-formen ließ, konnte die volkstümliche Auffassung in der Genesis nur stellen-weise zum Ausdruck gebracht werden. Die Gestalten und Vorgänge deralttestamentlichen Genesis, Adam und Eva und die Verführung durch dieSchlange, Kains Verfluchung durch Gott, Abrahams Zwiegespräch mit demEngel, ließen sich auch nicht leicht in germanisches Kostüm kleiden. Einengünstigen Vorwurf aber bot dazu die Verstoßung Satans (die in der Inter-polation der ags. Genesis vollständig erhalten ist). Ein Fürst empört sich mitseinen Vasallen gegen den Kaiser, er wird ins Gefängnis geworfen und reiztseine Getreuen zur Rache und Lohn wird jedem seiner Anhänger bereitetwerden, der dies leisten wird (ags. Übersetzung v. 435). Da macht sich einervon ihnen auf den Weg als Bote und veranlaßt die Getreuen Gottes, Adam undEva, zum Abfall. Aber in der Verführungsgeschichte ist das germanische Milieu
*) Sievers, Der Heliand und die ags. Genesis S. 17ff.; F. N. Robinson, Modern Philo-logy 4, 389—396.