B. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 167
Die altsächsische Genesis.
Literaturs. oben beim Heliand, die Spezialliteratur zur Genesis bei Braune, Lit.Nachw.S. 197 f. und in Behaghels und Pipers Ausgaben; Steinmeyer, Ergebnisse usw. S. 224—226.
Die as. Genesis ist nur in Bruchstücken erhalten und zwar in der obengenannten Vatikanischen Hs. V. Sie wurde aufgefunden von dem Heidel-berger Oberbibliothekar Karl Zangemeister im Jahre 1894 im Codex Pala-tinus latinus n. 1447 der Vatikanischen Bibliothek in Rom und herausgegebenvon Karl Zangemeister und Wilhelm Braune, „Bruchstücke der altsächsischenBibeldichtung aus der Bibliotheca Palatina", Neue Heidelberger JahrbücherIV (1894), 205—294 und Sonderabdruck, Heidelberg 1894.i) Der Cod. Pal.lat. 1447, geschrieben im 9. Jahrh. (wahrscheinlich in der ersten Hälftedesselben) enthält astronomisch-kalendarische Aufzeichnungen, darunter einMainzer Kalendarium mit darin eingetragenem Magdeburger Kalender. DieHandschrift gehörte, laut Notiz auf Bl. 3r, im Jahre 1479 der Dombibliothekin Mainz. Sie kam dann später in die Bibliotheca Palatina nach Heidelbergund mit dieser 1623 in die Vatikanische Bibliothek nach Rom.
Die as. Bruchstücke, wahrscheinlich von einer Hand geschrieben, sindeingetragen auf den zwei leergelassenen Seiten des Blattes 2 und auf leer-gelassenen Teilen von Bl. 1 Vorderseite, Bl. 10 Rückseite, Bl. 27 Vorderseite,Bl. 32 Rückseite. Die Gesamtzahl der Verse beträgt 416 (die lückenhaftenals voll gerechnet). Diese verteilen sich auf vier verschiedene Stücke: 79 Versegehören zum Heliand (s. oben), die übrigen drei Stücke mit zusammen337 Versen enthalten Teile der Genesis, und zwar I. Adams Rede = 26 Verse(v. 1—26), II. Kain = 124 Verse (v. 27—150), III. Untergang Sodoms =187 Verse (v. 151—337). Das erste Stück, v. 1 — 26, ist auch in ags. Sprachevorhanden. In der ags. Genesis nämlich, die früher dem Dichter Caedmonzugeschrieben wurde, gehören die v. 235—851 nicht dem ursprünglichenags. Texte an, sondern sie sind eingeschoben, und zwar sind es Verse, dieaus der as. Genesis so genau als möglich ins Angelsächsische übertragenwurden, und jene v. 1—26 der as. Genesis sind eben in jener Interpolationerhalten, und zwar entsprechen sie den v. 790—817 des ags. Gedichtes. 2 )
Der Dialekt ist nicht rein altsächsisch, sondern es sind rheinfränkischeFormen beigemischt. 3 )
Inhalt der erhaltenen Genesisfragmente:
Die in die ags. Genesis eingeschalteten 617 Verse (ags. Gen. 235—851)verteilen sich auf fünf Fitten dieses ags. Gedichtes: l.v. 235—245 bilden
1 ) Beschreibung der Hs. von Zange-meister a. a. O. S. 5—16, dazu Fr. Jostes,Z. f. d. A. 40,129 ff.; Kögel, LG. 1, Ergänzungs-heft S. 13—21. — Zu Zangemeister-BraunesAusg. s. bes. Jellinek, Z. f. d. A. 39, Anz. 21,204—225; F. Vetter, Die neuentdeckte deut-sche Bibeldichtung des neunten Jahrhunderts,Basel 1895; Symons, Verslagen en mededee-lingen a. a. O.
2 ) Den altsächsischen Ursprung dieser
Verse hat Sievers, ehe die Hs. V bekannt war,in seiner Schrift: Der Heliand und die angel-sächsische Genesis, Halle 1875, aus dem Stilund der Metrik erwiesen. Selten hat einewissenschaftliche Voraussetzung eine so glän-zende Bestätigung gefunden.
3 ) Braune in seiner und ZangemeistersAusgabe S. 65 ff.; W. Schlüter, Jahrb. desVereins f. niederdeutsche Sprachforschung 20,118 ff.