166 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Wirkung berechnet sind. Doch sind andrerseits die Ausdrucksmittel wiederbeschränkter als im Beowulf, da die Umschreibungen, Kenningar (z. B. bägge&oRingspender = König 2738), selten sind. Im Heliand ist der germanischeStil zur Manier geworden. Die Weitschweifigkeit ist sein größter Formfehler.Diesen Zug ins Breite trägt auch der Versbau. 1 ) Schon rein äußerlichim Schriftbild stellen sich die Zeilen dem Umfang nach als recht lang dar. 2 )Die Takte enthalten viele rhythmische Silben und zwar dadurch,
1. daß Hebungen und nebentonige Glieder oft in mehrere Silben auf-gelöst sind;
2. daß die Senkungen mehrere Silben, oft fünf oder sechs, umfassen;
3. daß die Eingangssenkung (der Auftakt) oft desgleichen sehr silben-reich ist (meist zwei- bis viersilbig, aber sogar bis zu zehn Silben ansteigend).Dazu kommen noch häufig Schwellverse, d. h. Verse, bei denen die Normal-zahl von zwei Hebungen zu drei Hebungen ausgedehnt ist.
Die Bestimmung des Heliand war, den heidnischen Glauben zu ver-drängen und die neue Lehre zu verkündigen, um das Volk zum Besserenzu erheben und den Aberglauben zu unterdrücken (Praef. A, Sievers S. 3Z. 6 ff.). Das Gedicht ist ein wichtiges Zeugnis für den großen Umwandlungs-prozeß der germanischen in die christliche Weltanschauung auf dem Gebieteder Literatur. Zwei Wege konnten hier eingeschlagen werden. Man konntedie germanische dichterische Tradition zu verschmelzen suchen mit den neuenIdeen oder man ignorierte sie vollständig und setzte unmittelbar den neuenInhalt in der neuen Form ein. Das erste war der Fall bei den Angelsachsen.Die stark ausgeprägte nationale Eigenart des"*angelsächsischen Volkes hatsich auch dem römischen Papsttum gegenüber Sonderzüge bewahrt und sokonnte hier eine volkstümlich christliche Epik entstehen. Unter dem Einflußdieser angelsächsisch geistlichen Dichtung wurde auch bei den Sachsen desFestlandes mit dem Heliand und dem as. Alten Testament ein Ansatz dazugemacht. Bei den hochdeutschen Stämmen aber wurde von vornherein völligdas romanische Christentum ohne Berücksichtigung nationaler Werte ein-geführt. Sie brachten es auch nicht zu einer christlichen Nationalepik.
Aber die Schlußfrage ist doch: Wie hat der Dichter seine Aufgabegelöst, wie hat er die biblische Erzählung vom lehrenden und duldendenChristus vereinigt mit dem germanischen auf Taten und Ruhm gestelltenHeidentum? Die Antwort ist: zu einer inneren psychologischen Einheit ließensich diese Gegensätze nicht verbinden. Den friedlichen Geist und den lehr-haften Charakter der evangelischen Geschichte konnte der Dichter nicht an-tasten, nur die Form, die äußere und die innere, der Stil wie die Vorstellungs-art von den Personen und dem Leben, konnte der volkstümlichen Anschauungangepaßt werden.
*) LiteraturzurMetrik des Heliand: Braune,
Lit.Nachw.S.198;BEHAGHELsAusgabe 3 S.XXV.
2 ) So heben sich auch die in der ags. Ge-
nesis enthaltenen ursprünglich altsächsischenVerse durch die Länge schon äußerlich sicht-bar von den angelsächsischen ab.