B. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 165
in dem Verhältnis zwischen dem Gefolgsmann und dem Herrn; ja sogar um-gekehrt, gerade durch die germanische Sitte ist die christliche Lehre von derbelohnenden Dienstleistung so entschieden in den Mittelpunkt der mittelalter-lichen Ethik gestellt worden.
Von den einzelnen Lehren ist keine wichtige des germanischen Volks-charakters wegen unterdrückt worden. Mit dem Preis der Demut beginntdie Bergpredigt (1300 ff.) und er wird oft wiederholt (nur das drastische Bild,daß man dem Gegner auch die linke Wange zum Schlage bieten soll,ist weggelassen), die germanische Ruhmsucht wird getadelt (5041 ff.);Schmähung erdulden, den Feind lieben und ihm verzeihen, nicht Schätzesammeln: alle diese christlichen Tugenden, die dem germanischen Gemüteunbegreiflich sein mochten, werden gepriesen. Der trotzige Stolz dersächsischen Edelinge sollte sich beugen zur Selbsterniedrigung, damit manden Grimm der Hölle vermeide und das ewigschöne Himmelreich erlange. 1 )
Der Heliand als Kunstwerk. Die Aufgabe des Gedichtes ist, diechristliche Lehre zu verbreiten, darum nehmen auch die didaktischen Teile,die Reden Jesu, einen großen Raum ein. Eine starke Anwendung derRedeform entspricht überhaupt an sich dem Stil des germanischen Epos,die Bergpredigt geht aber doch über das gewöhnliche Maß hinaus. Trotzdemist der epische Charakter im ganzen gewahrt, indem die Handlung, dasLeben und Leiden des Heilands, in ziemlicher Breite ausgeführt ist. Belebtwird sie durch jene kurzen epischen Szenen und lyrischen Stimmungsbilder,auch Dialoge, welche als episodische Erweiterungen an kurz skizzierte An-deutungen der Vorlage angeknüpft sind. Das germanische Element gibthiermit einen kraftvollen Einschlag und reichere Farbentöne und verstärktden epischen Gesamteindruck.
Aber andrerseits liegt in dieser Erzählungsweise ein Hindernis für dieepische Wirkung. Die Sprache des Heliand ist in höchstem Maße rhetorischund ungemein wortvoll. Der Sprachstoff der einzelnen Sätze ist im Verhält-nis zum Gedankengehalt überaus weit ausgedehnt, es werden viele Wortegebraucht, um wenig zu sagen, Wichtiges und Nebensächliches wird mitgleicher Breite behandelt. Der Grund liegt im epischen Stil, 2 ) der wiederim Zusammenhang steht mit der musikalischen Vortragsweise. Die Archi-tektonik dieser Kunstsprache beruht eben auf der Wiederholung der Motive.Am weitesten von allen altern germanischen Denkmälern geht darin gerade derHeliand. Die Variationen bilden den hemmenden Sprachstoff, dazu kommenandere dekorative Elemente wie die Appositionen und die schmückendenBeiwörter, lauter Erweiterungen, die eigentlich nur auf formal rhetorische
J ) Geschichtliches und Dogmatisches imHeliand: Seemüller, Abhandlungen zurger-man. Philologie, Festgabe für Heinzel, S. 281bis 283.
2 ) Formelverzeichnis in Sievers' AusgabeS. 389 ff., dazu Max Roediger, Z. f. d. A. 23,
Anz. 5, 267 ff.; Paul Pachaly, Die Variationim Heliand und in der as. Genesis, Schriftenzur german. Philologie, hrsg. von M. Roediger,Heft 9, Berlin 1899; Behaghel, Der Heliandund die as. Genesis; Selma Colliander, DerParallelismus im Heliand, Diss. Lund 1912.