164 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Woher diese Licht- und Lebensfreude? Sie ist germanisch, die Formelndafür sind altepisch und finden sich ähnlich auch in der angelsächsischenDichtung. Sie widerspricht dem Christentum der Zeit, denn dieses lehrtedie Verneinung, ja die Verachtung der Welt und ihrer Wonnen. Der naivenVorstellung des Menschen, wenn die Sinne den Inhalt des Bewußtseinsliefern, ist Licht und Leben unzertrennlich, die Nacht, das Dunkel ist dasNichtsein, der Tod. Das Licht schafft das Leben, der Gott des Lichtesoder die als Gottheit verehrte Sonne bringt die Fruchtbarkeit der Erdehervor, die dem Menschen die lebenspendende Nahrung gewährt.
Denn aus den natürlichen Bedürfnissen des primitiven Menschen istauch der Begriff 'Wonne' zu erklären. Er ist ursprünglich ziemlich materiellzu fassen. Erfreuen ist nützen. In dem ags. Erdsegen ist die grünendeErde gefüllt mit Nahrung den Menschen zum Nutzen. Die fruchtbare Erdeist zugleich die glanzblühende (beorhtblowende Grein-Wülcker 1, 316, 74),die Erde mit Fruchtbarkeit füllen heißt 'sie schön machen' (wlltljlsan 314, 35).Aus dieser Vorstellung heraus erklärt sich, wie ahd. wunne zugleich 'Wonne,Lust, das Schönste, das Beste' x ) und got. wlnja 'Weidland' bedeuten kann(mhd. wunne und weide).
Auch das in der nationalen Poesie gegebene Motiv von der Licht-freude vereinigt der Dichter mit seinen christianisierenden Bestrebungen,ja er benutzt es geradezu gelegentlich dazu, dadurch daß er seinen Hörerndas Licht des Himmelreichs als die höchste Schönheit, die höchste Wonnepreist, die noch über die Lust der lichten Erde geht.
Nun aber gibt der Heliand die Stimmung des germanischen Gemütsnicht vollständig wieder. Er läßt nur den einen Teil der Wertgefühle desDaseins zur Geltung kommen, die Lustgefühle. Aber gerade das Wesentlichein der germanischen Anschauung vom Leben ist die hohe Erkenntnis, daßes gemischt ist aus Freud und Leid, daß auf Freude Leid folgen wird.Dieser Polarismus im Stimmungsleben, der der angelsächsischen Dichtungden elegischen Zug und sentimentalen Gefühlston verleiht, der im Nibelungen-lied als naturnotwendige Beigabe des Daseins erkannt ist und als natur-gemäßes Endziel aller Lebenserfahrung gilt, er fehlt im Heliand. DerDichter hat ihn in der evangelischen Geschichte nicht vorgefunden.
Die Idee des Gedichtes wird im Verlauf der Erzählung immer undimmer wieder ausgesprochen: es ist die Lehre Christi. Wer den WillenGottes tut und ihm dient, der wird mit dem Himmelreich belohnt werden,z. B.: thes mötun gl neotan forä, so hwe so gerno will gode theonogean,wirkean aftar is willeon 1144 f., oder he gildid is iu lön aftar thiu, iuwahelag fadar an himilrikea, thes ge im mid sulicum ödmödea erlös theonod1634 ff. Dieser christliche Leitgedanke ist nun auch völlig dem germanischenRechtsbewußtsein verständlich, denn Dienst und Lohn sind die Forderungen
Kluge, Etymol. Wb. s. v.