B. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 163
Den stärksten Eindruck aber in dem Bilde macht das Meer, das alseine gewaltige Naturkraft empfunden wird. Wirksame Worte stehen demDichter zu Gebote, um den Seesturm zu schildern (2238 ff., auch 2907 ff.),wie das Wetter sich erhebt, die Winde aufsteigen, die Wogen wachsenund das Gewölk sich aufschwingt; aber der gute Gottessohn spricht zudem Wind und den Wolken, da werden die Wetter wonnesam und stille,und heiter wird es wieder auf der Flut.
Dieses stark ausgeprägte Naturgefühl aber ist nun nicht etwa die Gabedieses einzigen, des Helianddichters, sondern es gehört zum epischen Stil,die Formeln und Schilderungen sind typisch. Der Wald ist für das ger-manische Empfinden die Einöde und Verlassenheit, die Wolken sind epischeBezeichnungen für das Himmelsgewölbe (im Ags. ist under wolcnumsoviel als 'unter dem Himmel, auf der Erde'); der Wind weht von Westen(1821), denn weströni und wind ist eine alliterierende Formel; und dieSchilderungen des Meeres gehören zu dem festen Bestand der angel-sächsischen epischen Sprache. 1 ) Aber wenn diese Stilelemente auch nichtfür das Naturell des einzelnen, unseres Verfassers in Anspruch zu nehmensind, so beweisen sie um so mehr für das ganze Volk: sie bezeugen, wieeng das niederdeutsche Gemütsleben an der Natur haftete, und wie dieStimmung der Natur in der Volksseele widerklang. Denn Sturm und Meeres-stille sind nicht nur physikalische Erscheinungen, sondern sie erwecken imHerzen die Empfindungen der Leidenschaft und der Ruhe, sie werden zuAusdrucksformen für die Unrast und den Frieden und also schließlich fürdie beiden Gegenpunkte des Weltgeschehens, für Bewegen und Beharren.
Lebens- und hoffnungsfreudig aber ist die Stimmung des Gedichtes.Darum erscheint auch die Welt wie in Licht getaucht. 2 ) Licht ist Leben, 3 )leben heißt das Licht der Sonne sehen, wie bei Homer ögäv <pdog fjelioio,sterben heißt das Licht verlassen, ein anderes Licht suchen, zu neuem Lebenerwachen ist 'zu neuem Lichte erstehen' (4103 f.). Leben ist Lust (1343. 2861),die Welt ist Wonne, leben heißt in Wonne sein (lif an lusticn, werold endiwunnia). Das wonnesamste Licht aber, die allerschönste Wonne ist dasHimmelreich, es ist das köstlichste der Güter, die glänzende Wohnung, daslange dauernde Licht, das heilige Licht, des Himmels Licht, das Licht Gottes,dort ist das Licht der Seelen, das Leben des Herrn und leuchtender Glanz,die Herrlichkeit Gottes, wo gute Geister wohnen (2083 ff.), Wohlstand nachWohlgefallen und wonnesames Leben, freundliches Licht bei Gott (2137 f.);die Seligen werden geführt in die ewige Schönheit, das hohe Himmels-licht, sie werden glänzen im Himmelreich gleich dem hellen Sonnen-lichte (2599 ff.).
*) Hans Merbach, Das Meer in der Dich-tung der Angelsachsen, Diss. Breslau 1885.
2 ) Beispiele unter den Formeln bei Sieversunter Sterben, Seligkeit, Himmel u. a., Heyne,
Wortregister unter Höht, lif, himelrlke, wunniau. a.
3 ) Viktor Hehn, Gedanken über GoetheS. 312 ff.
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