162 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
damit einen bestimmten Zweck, er wollte Petrus durch die Lehre derDemut erhöhen. Und daran schließt sich dann eine für die streng christ-liche Stellung des Verfassers überaus bezeichnende allegorische Deutungdes Vorgangs (5039 ff.): an dem besten der Degen konnte man erkennen,daß die Hoffart dem Menschen die Vernunft raubt. Darum soll kein Heldsich zu sehr seiner selbst rühmen, denn oft wird sein Wille zunichte, wennihm der Himmelskönig nicht Kraft verleiht. Das ist unmittelbar eine Ver-dammung des germanischen Heldenideals vom Ruhm, an dessen Stelledie Grundforderung für das christliche Verhältnis des Menschen zu Gott,die Demut, gesetzt wird.
Und doch kann der fromme Mönch seinen angestammten Glaubenvon der Weltmacht nicht ganz verleugnen. Die Schuld mußte geschehen.Das ist germanischer Schicksalsglaube, der hier nur leicht verhüllt hinterdem Willen Gottes steht, der Glaube an ein alles Menschenwesen unver-rückbar bestimmendes Geschick, der so nahe mit der PrädestinationslehreAugustins verwandt ist. Es ist dieselbe Gewißheit von der Notwendigkeitdes Geschehens, die den Mönch Gottschalk, den Landsmann des Heliand-dichters, ins Verderben brachte, 1 ) oder die im Hildebrandslied den Zweikampfzwischen Vater und Sohn entscheidet.
Das Einverleiben eines fremden Stoffes in den eigenen Bewußtseins-inhalt, indem sich der Künstler die Gegenstände als Objekte seiner Er-fahrungswelt vorstellt, gehört zum naiven Stil der Volksepen. DiesesHeimischmachen kommt besonders auch im Landschaftsbild zum Ausdruck. 2 )Die umgebende Natur wirkt im Heliand überhaupt mit, viel stärker als inden Evangelien. Man spürt einen regen Sinn für die Umwelt, das Fühlenmit der Natur verleiht dem Gesamteindruck mehr Fülle und Leben. Meistist die Gegend nur mit wenigen Strichen gezeichnet, doch geben schondie einzelnen Bestandteile, mögen sie auch zuweilen mehr dekorativ sein,zusammen ein nordisches Landschaftsbild: 3 ) die Wolken, die unter demHimmel ziehen, der Wind, der von Westen kommt und an das Haus an-schlägt, der Frühling mit den knospenden und blühenden Bäumen, diegrüne Wiese, die großen Wälder mit ihrer Einsamkeit gegenüber dem Ge-triebe des Lebens in der Stadt, der feste von Mauern umgebene Wohnplatz,die Burg auf hoher Klippe: ein Bild voll Stimmung, in das ein sentimentaler,ein moderner Ton einklingt, die Sehnsucht aus der Welt in die Einsamkeit,der Zwiespalt zwischen Kultur und Natur.
') Zu Gottschalk: Hauck 2 2 , Registerunter Gottschalk und bes. S. 649—654.
2 ) Hauck 2 2 unter Heliand.
3 ) Man kann eigentlich nicht sagen, daßdas Landschaftsbild ausgesprochen nieder-deutschen Charakter trägt, die Bestimmungen:Wolken, Wind, Frühling, Bäume, Wiese undWälder sind zu aligemein. Nur die großartigeAnschauung vom Meere verleiht der Szenerie
den Charakter eines am Meere und nicht imInnern liegenden Landes. Hier aber erhebtsich sofort die Frage nach dem Verhältnis deraltsächsischen zur angelsächsischen Literatur.Das umfangreiche germanische Epos, wie derBeowulf, ist offenbar bei den Angelsachsenzuerst entstanden. Dort wird auch der Zug zurNatur hineingekommen sein.