B. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 161
Auch im Wortschatz stecken Begriffe aus dem Heidentum, ohne jedochnoch als heidnisch empfunden zu werden. So die Bezeichnung der Schick-salsbestimmungen als Verfügungen der Götter: metod, metodogiscapu,reganogiscapu. 1 ) Den Gestorbenen ist die Fahrt zur Hei bereit: fargaffeglun ferah, them the fusld uuas hellä an helstä 2354. 2 ) Der Engel desAllwaltenden fliegt im Federhemd vom Himmel zur Erde 5796 ff. 3 ) WennPetrus als kühner Kämpfer und die Wunde, die er dem Malchus schlägt,ausführlicher als in der Bibel dargestellt wird, so ist das nur eine stilistischeFreiheit, die christliche Idee der Stelle wird nicht gestört, denn es folgtgleich darauf, dem evangelischen Bericht entsprechend, die Abmahnungdes Herrn von kriegerischer Selbsthilfe. In Übereinstimmung mit dieserTat erhält dann Petrus auch sonst heldenmäßige Attribute: hellet hardmödig3137, erl ellanmof 5899. Diese kriegerische Auffassung vom Charakter desPetrus stimmt übrigens sogar mit der der Kirche überein, der er als heftig undleidenschaftlich gilt. 4 ) Aus der Rolle allerdings fällt der christliche Sängerin jener begeisterten Rede von der Treue, wenn er Thomas am Schlußsagen läßt: „Dann lebt noch nach uns der Ruhm bei den Menschen."Hier ist er ganz im Stil des Heldenepos befangen.
Wie sehr der Dichter darauf bedacht war, den christlichen Geist seinesWerkes zu wahren, das ist da zu ersehen, wo nationale und religiöseAnschauungen in Widerspruch geraten. Dann hilft er sich einfach mitgeistlicher Auslegung. Schon des Matthäus leichte Lösung seines älterenTreubundes wird damit entschuldigt, daß er statt eines irdischen Herrnden ewig lohnenden himmlischen erwählt. Die Flucht der getreuen Freunde— als die Jünger ihren von den Juden gefangenen Herrn verließen —geschah nicht aus Furcht, sondern, so war schon lange vorher das Wortdes Propheten, es mußte geschehen (4934ff.). Der falsche Schwur desPetrus wird auf dieselbe Weise gerechtfertigt: er hatte keine Gewalt überseine Worte, es mußte so werden, wie es der Behüter des Menschen-geschlechts bestimmte; und ebenso die Treulosigkeit, daß er seinen Herrn,den lieben, verleugnet hatte (5023.ff.): 5 ) Gott wollte es so und er hatte
') J. Grimm, Mythol. S. 18 f. u. Nachtr. S. 15;E.H. Meyer, German. Mythol. S. 183; Gol-ther, Mythol. S. 104.195 f.
2 ) Hei, got. halja, ahd. hellet, nhd. dieHölle, der Aufenthaltsort der abgeschiedenenSeelen, personifiziert als Totengöttin, durchdas Christentum übertragen auf <j.$r\s, yhwa,infernum = Hölle; s. J. Grimm, Mythol., Re-gister unter Hei, Nachtr. S. 521; E. H. Meyer,German. Mythol., Register S. 322; Golther,Mythol. S.425f. 471 ff.; R.M. Meyer, Religions-gesch. S.351. 390 ff. 446 ff.; DWb. 4, 2. Abteil.,1744 ff.
3 ) Die mythische Vorstellung von den dieLüfte in Federgewändern durchfliegenden Wal-küren, Schwanenjungfrauen (J.Grimm, Mythol.S. 324. 354 ff.; E. H. Meyer, German. Mythol.,
Deutsche Literaturgeschichte. I.
Register unter 'Schwanhend, Schwanjung-frauen' S.341; Golther, Mythol. S.114ff.321;R.M.Meyer, Religionsgesch. S. 104. 162ff.)wurde auf die christlichen Engel übertragen.Den Sonnenpfad, der Sternen Straße fliegt derEngel Gabriel, Otfrid 1, 5,5 f.; vgl. der schwim-mende Vogel, der gotes engel here in derGudrun Str. 1166 ff., dazu Schönbach, DasChristentum in der altdeutschen Heldendich-tung, Graz 1897, S. 115 ff.
4 ) Hrabanus Maurus bemerkt zu der Helden-tat des Petrus: Petrus hoc fecit, eodem ni-mirum mentis ardore, quo caetera fe-cerat, Comment. in Matth. VIII, 7.
n ) Windisch, Der Heliand u. s. QuellenS. 74—76; vgl. auch Sievers' Ausgabe, Anmerk.unter den Var. zu v. 5017—20.23—30.38—49.
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