160 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Geist seiner Dichtung verwoben. Herodes ist nicht nur cuning, sondern auchfolccuning, thlodcuning, weroldcuning, folctogo, herro, Landes hirdi, Pilatusist nicht nur heritogo, sondern daneben ebenfalls folctogo, thegan kesures,bodo kesures, thes werodes hirdi; Kaiphas außer biscop: the faristo thesfolkes, the herosto, wlhes ward. Das sind allerdings nur formelhafte, reinstilistische Ausschmückungen, aber sie geben doch den betreffenden Stelleneine germanische Färbung.
Germanisch also ist, wie die äußere Form in Sprach- und Verskunst, sodie innere Form, die Vorstellungsweise, in welche die Gedanken gekleidetsind. Diese aber sind durchaus christlich. Ein geistlicher Dichter konnteauch an der religiösen Grundlage nichts ändern. Die Tradition ist absolutbindend. Christus und seine Jüngerschar konnten gar nicht völlig in ger-manische Helden verwandelt werden, deutsch wurde nur, was sich mit demChristentum vereinigen ließ und die evangelische Geschichte den Sachsenverständlich und liebenswert machen konnte.
Der Heliand als Gefolgskönig und die Jünger als seine treuen Mannen,das vertrug sich mit der biblischen Überlieferung. Christus ist ja der Herraus dem gefeierten Geschlechte des großen Königs David, er ist der Sohndes Himmelskönigs, er selbst der rex coelestis, seine Jünger sind auch inder evangelischen Geschichte seine ihm unbedingt vertrauenden und mit ihmden Haß der Feinde tragenden Begleiter. Aber es fehlt in der christlichenVorstellung die wichtigste Eigenschaft der germanischen Helden: die Tapfer-keit, und ihr höchstes Ziel: der Ruhm; es fehlt ihr Lebenselement: der Krieg.Christus und seinen Jüngern sind auch in dem sächsischen religiösen Ge-dicht nicht die Heldenattribute beigelegt, wie sie z. B. die mhd. National-dichtung für die Helden reichlich ausstreut, der käene, der stielte, derstarkeu.a.Der Heiland hat nicht die Züge eines Königs der germanischen Sage wieetwa Hrodgar im Beowulfliede (z.B. 1039ff., 1769ff.), oder wie sie selbstOtfrid in seiner Widmung Ludwig dem Deutschen verleiht. Das Christus-bild des Gedichtes trägt das milde Antlitz des Friedenskönigs; er ist dasKind oder der Sohn Gottes, das Friedenskind, der heliand, der neriand, derHeiland und Erretter, der die Menschen befreit von leiblichen und seelischenGebrechen; und vor allem: er ist der Lehrer neuer, hoher Wahrheiten. Inall seiner Herrlichkeit glänzt der Himmelskönig nicht durch Siegesruhm,sondern Demut ist sein Wesen und seine Lehre. Ganz ungermanisch ist dersittliche Begriff von der Hoheit in der Demut, ist der leidende Herr, derklaglos die höchste Schmach erduldet und statt Rache zu sinnen Verzeihungseinen Feinden erfleht.
Nur wenige Male werden kriegerische Bezeichnungen auf die heiligenPersonen angewendet, aber sie erklären sich aus dem Zusammenhang. Kühnund stark (bald endi sträng 599) ist der ruhmreiche König, dessen Sterndie Magier im Osten aufgehen sahen und den sie vor Herodes wie einenweltlichen Herrscher preisen.