B. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 159
zu sterben mit ihm, unserm Herrn." — Und so denken die Jünger alle undsagen es einstimmig und umringen ihren Herrn den Waltenden, als die Judenihn im Garten Gethsemane gefangen nehmen wollen (4861 ff.). Und darauffolgt die einzige Stelle des Gedichtes, wo der Dichter Gelegenheit zur Äuße-rung kriegerischer Stimmung fand: Jetzt ist Petrus der kühne Schwertdegen,der kampfbereite Held; vor seinen Fürsten stellt er sich festmutig, seinSchwert zieht er und schlägt auf den vordersten der Feinde mit der Kraftder Hände, den Malchus zeichnet er mit der Schneide der Waffe. Zu hoherTragik ist dann das Schicksal des Petrus ausgestaltet (4950ff.): der bestealler Degen, von Furcht befallen verleugnet er den lieben Herrn, er wirdtreulos. Ergreifend schildert der Dichter, weit hinausgehend über die biblischeErzählung, die Reue des Gefolgsmanns über den nie zu sühnenden Frevel,durch den er die Huld des Fürsten verscherzte.
Auch andere Bibelstellen sind zu Bildern germanischen Lebensausgeführt. Wiederum sind es typische Szenen, und zwar Vorkommnisse destäglichen Lebens im Frieden, Festesfreude und ernste Beratung. Das Gast-mahl des Herodes ist lebensvoll dargestellt als ein germanisches Gelage inder Halle (2733); ebenso die Hochzeit zu Kana (1993 ff.). Nach der Geburtdes Johannes versammeln sich die Verwandten, weise und wortkundigeMänner, zur Namengebung, denn das war die Angelegenheit der Sippe, desFamilienrates (201). Und die Bergpredigt (1281 ff.) wird eingeleitet wie einegermanische Volksversammlung (thing): Christus der Volksherr sitzt in derMitte, um ihn stehen die Jünger, weise Männer, in schweigendem Nach-denken. 1 ) Er saß und schwieg und blickte sie lange an, freundlich gesinntim Herzen; dann entschloß er den Mund und lehrte die Männer, die er zurVerhandlung {spräca, Besprechung, consilium) geboten, viele rühmenswerteDinge mit klugen Worten.
Es ist die Eigenschaft des epischen Dichters, bei Einzelheiten länger zuverweilen, selbst scheinbar Nebensächliches, das aber doch ihm und seinenHörern etwas bietet, weiter auszuführen. Solch episch ausmalende Stoffteilesind die genannten, germanisch empfundenen Partien. Vieles andere, das eben-falls dem Gedankenkreis des Dichters und seiner Volksgenossen entnommenist, kann indes nicht als beabsichtigte Übertragung in deutsches Kostümangesprochen werden. So konnten Herodes, Pilatus, Kaiphas, wenn ihnenihre Standesbezeichnungen beigelegt wurden, nicht anders als König, Herzog,Bischof tituliert werden. 2 ) Es sind einfache Übersetzungen von rex, procu-rator (praeses), pontifex. Auch im Tatian werden sie mit cuning, grävo,bisgof bezeichnet, desgleichen nennt Otfried Herodes 'kuning', Kaiphas 'biscof,furisto ewarto'. Aber der Helianddichter ist bei der bloßen Wiedergabe derbiblischen Titulierungen nicht stehen geblieben, sondern er hat die Personenin die epische Anschauung hineingestellt und sie somit in den volkstümlichen
>) Schweigen in der Volksversammlung: j imperatur.Tacitus, Germ. 11: silentium per sacerdotes... \ -) Jellinek a. a. O. S. 215.