156 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
für den Laienstand des Dichters sind: 1. Er wird in der Praefatio A einnon ignobills vates genannt, das sei ein Volksdichter, ein germanischerScop. Aber diese Beschränkung gilt nicht, vielmehr bedeutet vates über-haupt Dichter, kann also auch von einem Geistlichen gebraucht werden.2. Die Technik, die Beherrschung der Dichtersprache mit ihren festenFormeln, die Versbildung mit ihren rhythmischen Regeln, die ganze geistigeAuffassung des Stoffes setze einen in der volkstümlichen Epik geübten Ver-fasser voraus. Indes konnte diese Kunst auch von Geistlichen erworbenwerden, wie die ags. Literaturgeschichte zeigt. 3. Es finden sich Irrtümer undWidersprüche gegen den biblischen Text, Änderungen und Umstellungen.Diese seien bei einem Geistlichen undenkbar und rührten daher, daß derDichter nur auf sein Gedächtnis angewiesen war. Aber die gerügten Verstößesind in gleichem Maße auch bei geistlichen Autoren nachzuweisen.
Die Gründe, die für den Dichter des Heliand als Laien aufgestelltwerden, erweisen sich demnach nicht als zwingend. Die völlige Beherrschungdes biblischen Stoffes und der religiösen Idee, vor allem die Kenntnis undVerwertung gelehrten Materials, d. i. der Kommentare, setzen einen theo-logisch geschulten Mann, einen Geistlichen, voraus. Dies alles nun seiihm, wenden freilich die Vertreter der Laienhypothese ein, von einem geist-lichen Berater, der seiner Arbeit zur Seite gestanden, beigebracht worden.Wobei aber hinwiederum eingeworfen werden kann, weshalb denn danndieser nicht die Verfehlungen bemerkt und getilgt habe?
So wird also die Entscheidung dahin ausfallen, daß der Helianddichterein Geistlicher war.
Viel umstritten ist die Heimat des Heliand. 1 ) Die Entscheidung müßtedie Sprache geben, aber wir haben für das Altsächsische zu wenig verschieden-artiges Material, um auch hier, wie fürs Althochdeutsche, eine sichere Dialekt-geographie aufzustellen. Zudem schwankt die sprachliche Überlieferung. Werden ziemlich rein sächsischen Dialekt von M für den des Originals hält,nimmt Münster im Herzen des alten Sachsenlandes als Entstehungsort auchdes Gedichtes an; 2 ) wegen der fränkischen Elemente in C wird ein demniederfränkischen Gebiet nahe liegender Ort oder das ebenfalls echt säch-sische Kloster Corvey an der Weser, das aber von fränkischen Mönchenbesiedelt wurde, in Betracht gezogen; 3 ) wegen der noch dazu kommendenfriesischen das Kloster Werden an der Ruhr, 4 ) das diesem Dialekt nicht fernlag. Außerdem hat man sich für das nordöstliche Sachsenland entschieden,
') Die Literatur über die Sprache gibt Be-haghel in seiner Ausgabe 3 S. XVI—XVIII. Diebedeutendste Erscheinung auf diesem Gebietist das für die Forschung über deutsche Syn-tax überhaupt vorbildliche Werk Die Syntaxdes Heliand von Otto Behaghel, Prag, Wienund Leipzig 1897.
"-) M. Heyne, Vorrede zu seiner Heliand-ausgabe und Z. f. d. Phil. 1, 288—290.
3 ) F. Kauffmann, Beitr. 12,358 (Pader-born), Germania 37, 368—373 (Corvey), Z. f.d. Phil. 32,511 (Corvey); dagegen Edw. Schrö-der, Mitteil, des Österreich. Instituts für Ge-schichtsforschung 18, 47 Anm. 3.
4 ) Kögel, LG. 1,282, Grundr. 2 2 ,97 (Wer-den); nahe der niederfränk. Grenze: Heinzel,Z. f. d. Österreich. Gymnasien 25 (1874), 251—259 (253 f.) u. Kl. Sehr. S. 315—327 (317 f.).