Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
155
Einzelbild herunterladen
 

ß. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 155

von einem angelsächsischen Gelehrten auf Caedmon verfaßt und erst aufden Helianddichter übertragen worden; und zwar vielleicht eben durch denAutor von B. Möglich wäre auch, daß dieser selbst die Versus im Anschlußan Beda zum Ruhme seines sächsischen Landsmanns machte. Das aufallgemeine Tradition hindeutende Fenint im Eingang seiner Prosa brauchtbei der willkürlichen Geschichtsauffassung der Zeit nicht buchstäblich ge-nommen zu werden.

Noch eine Bemerkung der Praefatio A, die auch die Versus 3134enthalten, wäre zu erörtern, nämlich daß der Dichter das Alte und dasNeue Testament übersetzt habe. Möglich ist es, die später zu besprechendeas. Genesis aber war nicht dieses vom Helianddichter verfaßte AlteTestament, da sie nicht von ihm herrührt (s. unten). Aber der Verfasserder Vorrede konnte sich ja darin auch getäuscht und das as. Alte Testamentfälschlich auch für ein Werk des Verfassers des Neuen as. Testaments,eben des Helianddichters, gehalten haben. Endlich aber könnte hier diealte angelsächsische Nachricht von Caedmon, der das Alte und Neue Testamentgedichtet haben soll, hereinspielen.

Für die Zeit der Abfassung ergeben sich also aus dem historischenTeil der Praefatio (A) die Regierungsjahre Ludwigs des Frommen, 814840.Eine engere Begrenzung läßt sich durch die Zeitbestimmung der Quellengewinnen, die der Dichter benutzte. 1 ) Nicht unmittelbar von der Bibel,der Vulgata, ging der Dichter aus, vielmehr legte er die Evangelienharmoniedes Tatian (s. unten) seinem Werke zugrunde; diese aber beruht zum großenTeil auf dem Matthäusevangelium, so daß fast die ganze eine Hälfte desbiblischen Stoffs aus dem Matthäus geschöpft ist, die andere aus Lucas,Johannes, Marcus. Neben dem Tatian hat er, der wissenschaftlichen Bibel-behandlung seiner Zeit folgend, in ziemlichem Umfang erklärende Schriftenbeigezogen, und zwar die damals maßgebenden Kommentare zum NeuenTestament, nämlich den des Alcuin zum Johannes, des Beda zum Marcus,am meisten aber den Matthäuskommentar des Hrabanus Maurus. 2 ) Dieser warnicht vor dem Jahr 822 vollendet und so ist damit der frühste Entstehungs-termin des Heliand bestimmt. Infolge des terminus a quo 822 und des terminusante quem 840 ist also der Heliand zwischen 822 und 840 abgefaßt worden.

Über den Stand des Verfassers 3 ) teilen sich die Meinungen. ZweiHypothesen stehen einander gegenüber, die eine, er sei ein Laie, dieandere, er sei ein Geistlicher gewesen. Bei der ersten Ansicht ist voraus-zusetzen, daß dem Dichter die evangelische Geschichte von einer andernPerson erzählt wurde und er aus dem Gedächtnis arbeitete. Die Gründe

J ) Zur Quellenfrage: Ernst Windisch, DerHeliand und seine Quellen, Leipzig 1868; Sie-vers, Z. f. d. A. 19,139.

2 ) Die nämlichen Kommentare hat Otfridfür sein Evangelienbuch benutzt.

3 ) Fr. Jostes, Der Dichter des Heliand,

Z. f. d. A. 40,341368; Wilh. Brückner, DerHelianddichter ein Laie, Wissenschaftl. Beilagezum Bericht über das Gymnasium in Basel,Straßburg 1904; dazu Jellinek, Z. f. d. Phil.36,535544; Ehrismann, Engl. Studien 37,279286.