154 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
vor uns: einmal, in der Praefatio A, die historische Überlieferung, unddann, in den Versus, eine Wundergeschichte. Die beiden Auffassungenwidersprechen sich. Nach der historischen Überlieferung A hat KaiserLudwig dem Verfasser den Auftrag zu seinem Werke gegeben — die ur-sprüngliche Anregung allerdings ging von Gott aus —, da er schon einberühmter Dichter war; nach den Versen aber ist ihm die Berufung zuseinem Werk durch die Stimme Gottes geworden und sofort hat er diebiblische Geschichte verfaßt.
B hat nur den Zweck, A mit den Versen zu verbinden. Der Verfasservon B nimmt die Legende des Gedichtes vorweg, einige Male mit dengleichen Ausdrücken, und reiht sie an die historische Darstellung von A an.Um den nun entstehenden Widerspruch zwischen dem Wunder der Verse undden Tatsachen von A zu maskieren, fügt er entsprechende Bemerkungenin A ein (in Sievers Heliandausgabe S. 3 Z. 15 f. von atque imperll bis mira-biliter, S. 4 Z. 7 f. nlmlrum bis prius. 1 )
Das Verhältnis der Einleitungen untereinander wird also folgender-maßen aufzufassen sein: die eigentliche Praefatio ist A, die auf mündlicherÜberlieferung beruht. Der Grund, weshalb überhaupt eine Vorrede beige-geben wurde, liegt in der Sitte der Zeit, die aus der lateinischen Literaturstammt und von da auf die geistliche übergegangen ist. Sie enthält, denRegeln der mittelalterlichen Rhetorik entsprechend, die zum größten Teil aufden Vorschriften der klassischen Autoren fußt, die Mitteilungen über denVerfasser (vir de gente Saxonum, non ignobills vates), Quelle (vetus acnoviim Testamentum) und Veranlassung oder Veranlasser (LudowicuspüssimusAugustus) und die Erregung des Interesses, commendatio (quod opus tarnlucide tamque eleganter ... composuit, ut audientibus ac intelllgenübas ...dalcedlnem praestet).
Die Praefatio A hat den Zweck, die historische Überlieferung von derEntstehung des Gedichtes darzulegen, in den Versen aber sucht die frommePhantasie nach einer Erklärung für den Ursprung des herrlichsten Werkes.Realismus und Mystik suchen die Begründung. Die Versus sind der eigent-lichen Praefatio (A) angefügt von einem Manne (B), der sich eine so er-habene, unerreichte Schöpfung (cuncta Theodisca poemata suo vincat de-core) nur auf übernatürlichem Wege denken konnte. Der Verfasser von Balso hat die poetische Wundererzählung angefügt und sie durch seinenProsaeinschub mit A in Verbindung gebracht.
Es würde sich nun die Frage nach der Entstehung der Versus erheben.Volle Sicherheit läßt sich darüber nicht erbringen. Sie sind vielleicht über-haupt gar nicht für den Heliand bestimmt gewesen, sondern schon früher
! ) Soviel scheidet Zarncke a. a. O. alsAnteil von B aus A aus, Sievers' Ausgabe,Einleitung S. XXX hält auch noch 4,4—6 qua-tenusbis panderetur und 4, 14—17 Quod opus
bis praestet aus stilistischen Gründen und 4,9 f.potius bis parvitatis aus sachlichen Gründenfür eingeschaltet. Vgl. noch Rödiger, Z. f. d. A.23, Anz. 5, 278.