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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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B. Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 30. Heliand u. altsächs. Genesis. 153

das Alte und Neue Testament in die deutsche Sprache poetisch zu übertragen,damit der Text der heiligen Lehren auch den Ungebildeten eröffnet werde.Dieser gehorchte gern den Befehlen des Kaisers und gewiß um so leichter,da er schon vorher von oben ermahnt wurde. Er begann also mit derErschaffung der Welt und setzte sein Werk gemäß der historischen Wahrheit,alles Wichtigere in der Hauptsache auswählend, bisweilen, wo er es fürangebracht hielt, mit mystischem Sinne ausschmückend, fort bis zum Endedes ganzen Alten und Neuen Testaments, es übersetzend mit poetischemAusdruck und in sehr gewandtem Stile. Dieses Werk hat er so klar undso fein, der Eigenheit jener Sprache (der sächsischen) angemessen, ab-gefaßt, daß es allen Hörern und Lesern einen überaus süßen Schönheits-genuß gewährt. Nach der Sitte jener Dichtart (der germanischen) hat erdas Werk in vitten (per vltteas) eingeteilt, welche wir (nämlich die inlateinischer Sprache schreibenden Geistlichen und Gelehrten) lectiones velsententias (Leseabschnitte) nennen können.

Der zweite, kleinere Teil der prosaischen Praefatio (B), beginnend mit'Ferunt', berichtet über den Sänger, daß er vor der Abfassung seines Werkesder Dichtkunst unkundig gewesen und daß er im Traum ermahnt wordensei, die Lehren der heiligen Schrift in seiner Sprache in ein Gedicht zufassen. Darauf folgt ein überschwänglicher Preis seines Gedichtes, das diegesamte deutsche Poesie an Schönheit übertreffe. Während der erste TeilTatsachen gibt, beschäftigt den Verfasser des zweiten Teiles das Wunderbareund die Phantasie. Die hier berührte Traumgeschichte ist Gegenstand derzweiten Praefatio, der Versus. Nur einen neuen Punkt bringt er, die Ein-teilung in Fitten.

Nun die zweite Praefatio, die Versus. Es ist ein lateinisches Gedichtin 34 Hexametern, das von dem Dichter und der Entstehung seines Werkeserzählt. Er war Landmann und lebte ein zufriedenes Dasein, in anmutigenVersen wird das Idyll geschildert. Da geschah eine Wendung. Einst weideteer seine Herde und ermüdet schlief er ein. Da ertönte eine göttlicheStimme vom hohen Himmelszelt:Was treibst du, o Sänger, weshalb ver-säumst du die Zeit zum Gesang? Auf, erzähle die göttlichen Satzungen derReihe nach, bringe die herrlichen Lehren in deine Sprache." Und sofortwirkte das Wunder. Er, der früher ein Bauer, jetzt ist er zum Dichter ge-worden. In gebildeter Sprache verfaßte er metrische Gedichte, vom Anfangder Welt beginnend und die fünf Weltalter durchwandernd gelangte er biszur Ankunft Christi und zu der Erlösung der Menschheit. Das Wundervon der göttlichen Berufung eines Hirten zum religiösen Sänger erzähltBeda (672735) in seiner Historia ecclesiastica gentis Anglorum IV, 24von dem angelsächsischen Dichter Caedmon. Unsere lateinischen Versesind gewiß unter Benutzung der Darstellung Bedas abgefaßt, sind nureine Übertragung derselben auf den altsächsischen Vates. Wir haben alsozwei Berichte über die Person des Dichters und die Entstehung seines Epos