B.Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §30. Heliand u. altsächs. Genesis. 151
C. Cottonianus, im Britischen Museum zu London, kam dahin ausder Bibliothek des Sir Robert Cotton (| 1631) und ist zuerst bekannt ge-worden durch Excerpte des Franciscus Junius (f 1677); Oktav, 10. Jh.,besteht aus drei erst später zusammengebundenen Teilen, deren mittlererder Heliand ist (Bl. 11—170; auf Bl. 1—10 befinden sich außer Nebensäch-lichem acht Bilder aus dem Neuen Testament [12. Jh.?], auf Bl. 171—173angelsächsische Zaubersprüche). Die Schrift ist ebenfalls sauber und deutlich,mit Korrekturen vom ursprünglichen Schreiber und von einer zweiten Hand,aber der Text ist weniger sorgfältig als der von M, hat erheblich mehrAuslassungen und Fehler (etwa doppelt soviele), ist aber vollständiger, dakeine Blätter fehlen. Die Verse sind nicht abgesetzt, die Kapitel sind durchAbsätze, größere Initialen und durch fortlaufende Zählung von I bis LXXIbezeichnet. Der Dialekt ist altsächsisch, hat aber mittel- oder niederfränkischeBestandteile, die Hs. ist also in der Nachbarschaft des Fränkischen abgefaßt,vielleicht in Werden an der Ruhr. Doch hat man außerdem noch friesischeEigentümlichkeiten gefunden.
Außer den beiden vollständigen Handschriften M und C existierennoch zwei Bruchstücke:
P. Prager Bruchstück, Quartblatt, 9. Jh., enthaltend die Verse 958 bis,1105, ist 1880 in der Prager Universitätsbibliothek aufgefunden worden undherausgegeben von H. Lambel, Wiener SB. 97 (1881), 613 ff. Die Sprache istder von C ähnlicher als der von M.
V Vatikanisches Bruchstück, mit den Bruchstücken der as. Genesiszusammen überliefert (s. unten); enthält den Anfang der Bergpredigt,v. 1279—1358.
Das Verhältnis der vier Handschriften ist der Art, daß M den Vorzugvor C verdient, weshalb sie die Grundlage für die Herstellung des kritischenTextes bildet. 1 ) Beide Handschriften haben gleiche Fehler gemein, gehenalso auf ein und dieselbe schon fehlerhafte Vorlage zurück. P und V stehenin keinem näheren Verhältnis weder zu M noch zu C. Die Überlieferungist trotz vielfacher Fehler von C, und auch von M, doch im ganzen gut.
Der Name des Gedichtes, Heliand, rührt von Schmeller her (in seinerAusgabe 1830) und trifft die Idee, denn es handelt von dem Leben undder Lehre Jesu als des Heilandes.
Der Heliand ist ein Volksepos und als in einem solchen ist wederder Verfasser genannt noch finden sich historische Anhaltspunkte. In dieserHinsicht können wir von zwei Seiten her Schlüsse ziehen, aus den lateinischenVorreden und aus den dem Gedichte zugrunde liegenden Quellen.
Die lateinischen Vorreden stehen nicht in unseren Handschriften, jaes ist in ihnen selbst auch gar nicht bestimmt ausgesprochen, daß sie geradeauf unser Gedicht sich beziehen. Diesen Zusammenhang hat erst die philo-
l ) Sievers, Z. f. d. A. 19,39—75.