B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 29. Muspilli. 149
(uiianta) — v. 4. 5 Folgerung (so); v. 6. 7 Aufforderung — v. 8—13 Be-gründung derselben; v. 8—10 und 11—13 Gegensätze (Teufel — Engel,(wanta ipu — upt avar); 41—43 und 44—47 Gegensätze (Elias-Antichrist,Korrespondenz in den Folgerungen: pidiu scal 43— pidiu scal 46).
Metrik. 1 ) Die Verskunst des Muspilli steht noch hinter der des Hilde-brandslieds zurück, sie bezeichnet den Verfall und das Ende der althoch-deutschen alliterierenden Formensprache. Auf Schritt und Tritt begegnenVerstöße gegen die Regeln des Stabreims, Prosasätze sind eingefügt (v. 13.18. 48. 74 a); v. 61. 62 und wohl auch v. 79 haben Endreim statt Stabreim,und zwar ist der Wechsel in 61. 62 in der bestimmten Absicht vorgenommen,-um eine rhetorische Wirkung hervorzubringen; Endreim noch außer denStabreimen haben die Verse 28. 78. 87. Die Anwendung des Reims zeigt,daß das Gedicht auf dem Übergang zu der neu aufkommenden Formgebungsteht. Auch die Vortragsweise hat sich verändert, denn das Gedicht setztbei dieser Gleichgültigkeit gegen die Einheit der künstlerischen Form nichtmehr die alte epische Art des Skopf voraus, vielmehr ist an deren Stelledie rhetorische Kunst des Predigers getreten.
Der Verfasser war ein bairischer Geistlicher, der die alte Kunstform,d. i. die der Stabreimdichtung, annahm, aber nicht beherrschte. Die Zeitder Abfassung ist schwer zu bestimmen, da wir nicht wissen, wann in Baierndie Alliteration durch den Endreim abgelöst wurde. Man setzt als Terminetwa das Jahr 830 an. Das mag im allgemeinen stimmen. 2 )
Das ganze Gedicht ist das Werk ein und derselben Persönlichkeit. Müllen-hoff hielt die Verse 37—62 für spätere Einschaltung (MSD. II», 38 f.), aberdie Untersuchungen von Zarncke und Grau haben die Einheit des Gedichteserwiesen. 3 )
Muspilli ist das einzige umfangreichere Beispiel für die althochdeutschegeistliche Alliterationsdichtung und als Vertreter dieser Gattung darum vonbesonderem literaturgeschichtlichen Werte. Man darf es nicht von dem Ge-sichtspunkt eines epischen Liedes aus abschätzen, sondern muß es als einepoetische Predigt auffassen. Der Stil in seinem Gesamtcharakter ist nichtepisch, sondern in speziellem Sinn ^rhetorisch.. In der Rhetorik liegt seineStärke. Aber in dieser Einseitigkeit liegt eben die Schwäche des Gedichtes.
») Sievers, Altgerman. Metrik S. 168—171;Saran, Verslehre S. 223 ff.; C. R. Hörn, Beitr.5,189—191; Kögel, LG. 1,288 m ff. 327—332.
2 ) L. WOllner, Das Hrabanische GlossarS. 136; Kelle, LG. 1,358—360; Kögel, LG.318, Grundr. 2 S. 110. — Auch aus der Spracheläßt sich kein sicherer Schluß ziehen. In v. 73ist h auf hl gebunden: himilisca hörn —hi[h]lütit, wonach also h vor / noch gesprochenworden wäre. Aber in v. 82 lössan [hjleuuo— lip ist es gefallen. Das h vor Konsonantwurde also nicht mehr fest als akustischesElement gefühlt, doch aber auch wieder, viel-
leicht bloß archaistisch, formal im Stab ver-wendet. Es ist dasselbe Schwanken wie auchsonst in der Verskunst des Gedichtes.
3 ) Steinmeyer weist auf syntaktische Eigen-heiten dieses Abschnittes hin (MSD. II 3 , 41:häufiges Fehlen des Artikels, Subjekt an ersterStelle des Satzes) und vermutet Benutzungeines altern Liedes. Aber der Dichter konnteaus sich selbst dem erregteren Inhalt einemehr dramatische Form gegeben haben. Fürden Weltbrand hatte er sicher lateinische Vor-bilder (s. S. 145).