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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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144 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

v. 6372: Mahnung für die zum Gericht Kommenden;

v. 73103: Darstellung des jüngsten Gerichts.

Beide Ansichten, die im ersten und im zweiten Teil vertretenen, gingenin der christlichen Eschatologie nebeneinander her und können bis in dieEntstehung des Christentums verfolgt werden. 1 )

I. Die Entscheidung über das Schicksal der Seele unmittelbar nach demTode, so daß sie gleich nach ihrem Scheiden vom Körper die Vergeltungempfängt, ist die individualistische Eschatologie. Sie entspricht orphisch-platonischer Denkweise, hat aber ihre Quelle in Lucas 16,22, in der Geschichtedes armen Lazarus: der Bettler wird von den Engeln in Abrahams Schoßgetragen; und auch in Lucas 23, 42 f., wo Christus am Kreuz dem reuigenSchacher verkündigt: wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiesesein. Als Gegenstück dazu bestand, wir wissen nicht seit wann, die Vorstellung,daß die bösen Engel, die Untertanen des Teufels, die verdammte Seele indie Hölle abführen. So wird sie also den guten oder den bösen Engelnanheimfallen. Dieser Gegensatz verdichtete sich bei den Kirchenvätern derersten Jahrhunderte zu einem Streit der Engel und Teufel um die Seele,und der Abgeschiedene erlebt diesen sein Schicksal entscheidenden Kampfin einer Vision. 3 ) Besonders durch griechische Einflüsse wurden die Auf-enthaltsorte der Seelen poetisch ausgemalt, 3 ) das Land der Seligen als eineunbeschreiblich wonnevolle Gegend, das der Gottlosen als ein Abgrundqualvoller Pein in Feuer und Finsternis. Die ältesten Visionen von demSchicksal der Seele sind die Petrusapokalypse aus dem zweiten Jahrhundertund die Visio S. Pauli aus dem vierten, die auf II. Korinther 12, 2 beruht. Indieser Visionslegende wird der Apostel von einem Engel nach dem Aufenthaltder Gerechten und dann der Gottlosen geführt. Sie wurde im Mittelalter inverschiedenen Fassungen und unter verschiedenen Namen in den Volkssprachenweit verbreitet und ist die Vorstufe zu der erhabensten Dichtung mittelalter-lichen Geistes, zu Dantes Divina Comedia.

II. Im zweiten Teil fällt die Entscheidung erst beim jüngsten Gericht,bei der Auferstehung alles Fleisches, am Ende der Tage; über alle Menschenzusammen wird da das Urteil gesprochen. Diese, die realistische Escha-tologie, beruht auf den Zukunftshoffnungen des jüdischen Volkes von derWiederkunft des Messias und der Errichtung des neuen Reichs. Das klassischeBuch hierfür ist die Apokalypse Johannis.

Die beiden Zukunftsvorstellungen (I und II) wurden dann dadurch ver-einigt, daß man den Seelen unmittelbar nach dem Tode, wenn sie den Leib

^Zusammenfassend unterrichtet hierüber Halle 1885; Über den Streit der Engel und

R. Knopf, Die Zukunftshoffnungen des UrChristentums, Religionsgeschichtliche Volks-bücher I. Reihe, 13. Heft.

2 ) Zarncke a.a.O. S. 202213; Graua. a. O. an verschiedenen Stellen; Kelle, LG. i Buch VI, Leipzig 1903, S. 6lf.1,145.360 f.; Herm. Brandes, Visio S. Pauli

Teufel beim Tode Moses s. K. Burdach, Faust

undMoses, Sitzungsberichte der kgl. Akademie

der Wissenschaften in Berlin 1912,1. Teil, 383 ff.

3 ) Ed. Norden, P. Vergilius Maro Aeneis