Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
143
Einzelbild herunterladen
 

B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 29. Muspilli. 143

sönlicher Vorstellung. Wahrscheinlich war das Wort von einem germanischenWeltuntergangsmythus gebraucht. 1 ) Unter den vielen Erklärungsversuchen 8 )hat am meisten Wahrscheinlichkeit die von Kögel im Grundr. 2 S. 111 gegebene:der erste Teil des Kompositums ist mu- Erde, das auch im ahd.-werf =Erdaufwerfer liegt, neben dem das gleichbedeutende ahd. multuurf (got.mulda, ahd. molta Erde) vorkommt, woraus dann durch volksetymologischeUmbildung 'Maulwurf wurde. Das zweite Glied, -spilli, gehört zu dem an.Verb spilla, ags. spillan, ferner ags. spildan, as. spildian, ahd. spilden ver-derben, zugrunde richten, zerstören; wonach das ganze Wort muspilli ' Erd-^enncMung^ bedeutet.

Das Wessobrunner Gebet lehrt die christliche Anschauung vom Anfangder Welt, Muspilli ist gleichsam ein Gegenstück dazu: hier wird die überdas Menschenleben hinausliegende Zukunft erzählt, das Schicksal der Seelenach dem Tode und das Weltende. Das Wessobrunner Gebet antwortet aufdie Frage: Was war am Anbeginn der Dinge? Muspilli auf die noch ver-hängnisvollere: Was wird folgen? So stellen die beiden Gedichte die Poleder Weltgeschichte dar, Weltschöpfung und Weltende. Aber praktisch tiefereingreifend ist die Lehre vom Ende. Sie gibt die Richtung für das ganzeethische Verhalten im Leben. Und zumal im Christentum, denn es ist eineJenseitsreligion. Der Schwerpunkt liegt auf der Zukunft, und gerade in jenerZeit weisen alle geistlichen Schriftsteller, weisen die Prediger die Hörer hinauf die letzten Dinge, auf das große Gericht, das oft als nahe bevorstehendgedacht ist, daß sie sorgend ihre Seele hüten. In dieser allgemeinen Stimmunghat das Gedicht Muspilli seinen Boden.

Es zerfällt in zwei Teile, nach den zwei verschiedenen Auffassungen, diedie christliche Legende über die künftigen Erlebnisse der Seele ausgebildet hat.Teil I, v. 130: das Schicksal der Seele unmittelbar nach dem Tode, daserste Gericht.

v. 15: Trennung der Seele vom Leib; Kampf der Engel und Teufelum die Seele;

v. 613: die Teufel bringen sie in Feuer und Finsternis, die Engel insHimmelreich;

v. 1417: Herrlichkeit des Himmelreichs;

v. 1821: Ermahnung an die Menschen;

v. 2230: Schrecken der Hölle.Teil II, v. 31103: das jüngste Gericht.

v. 3136: das Gericht wird geboten;

v. 3762: Episode: Kampf des Elias mit dem Antichrist und Untergangder Welt durch Feuer;

1 )J.GRiMM,Mythol.S.500.674f.u.Nachtr. i nämlichen Wörtern; R.M.Meyer, Religions-

S. 240; Müllenhoff, DAK. 5, 66 ff.; E. H. j gesch. S. 356. Für die Frage, ob unser Ge-

Meyer, Germ. Mythol., Register S. 333 unter dicht heidnischeElemente in sich trägt, beweist

mudspelli, MüspeLL, Müspellsheimr, muspilli; das Wort nichts.

Golther, Mythoi., Register S. 665 unter den |) Braune, LB., Lit. Nachw. S. 190 f.