142 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Judaeos, eine dem Augustin fälschlich zugeschriebene Predigt. Am Schlußauf Bl. 120a stehen zwei lateinische Distichen, welche die Widmung desBuches enthalten: Accipe, summe puer, parvum, Hludouuice, llbellum,Quem tibi devotus optulit en famulus, Scilicet indignus Juvavensispastor ovilis Dlctus Adalrammus, servulus ipse tuus. Der Bischof Adal-ram von Salzburg also hat dem 'erlauchten Jüngling' Ludwig das Buchgeschenkt. Ludwig, der spätere König Ludwig der Deutsche, kam 825 alsHerzog nach Baiern, da er noch ein junger Mann war von 21 Jahren; seineHofhaltung war seit 828 in Regensburg. Adalram hatte das Bistum inne von821 bis 836. Zwischen 826 und 836 wird also die Handschrift Ludwig über-reicht worden sein. Der Bestimmung als Dedikationsexemplar entsprechendist sie sorgfältig und zierlich geschrieben.
Die Verse unseres Gedichtes aber sind erst später auf den Rändern undleeren Blättern der Handschrift von ungeübter Hand und in mangelhafterOrthographie, das feine Büchlein verunzierend, eingetragen: 21 Zeilen, v. 1—19a,auf der leeren Vorderseite des ersten Blattes, Bl. 61a; die übrigen Verse aufden letzten Blättern: auf Bl. 119b am untern Rande nach dem Schluß desSermo 5 Zeilen, auf Bl. 120a nach der lateinischen Widmung 5 Zeilen undauf der leeren Rückseite von 120b 22 Zeilen, auf der leeren Vorderseite von121a 24 Zeilen und auf der leeren Rückseite 121b 29 Zeilen. Der Anfangund der Schluß des Gedichtes fehlen, sie standen vermutlich auf den Innen-seiten des ursprünglichen Einbanddeckels. Am Anfang sind wahrscheinlichnicht viel weniger als 21 Zeilen verloren, am Schlüsse vielleicht einige mehr.Es sind im ganzen 106 Zeilen, fortlaufend ohne Absetzung der Verse ge-schrieben, mit regelloser Interpunktion. Schmeller vermutete, Ludwig derDeutsche habe das Gedicht selbst in die Handschrift geschrieben, da sonstniemand gewagt hätte, in das dem Fürsten zu eigen gehörende Buch einensolchen Eintrag zu machen. Aber dagegen spricht schon der Dialekt desGedichts: er ist bairisch, während Ludwig als Karolinger dem mittelfränkischenSprachgebiet angehörte. Überhaupt weist der Lautstand 1 ) auf eine spätereZeit, ans Ende des 10. Jahrh., denn bairisch findet sich ö bis ca. 900, hierschon nur uo oder ua; hier auch schon jüngeres io neben älterm eo undendlich nur kl- (selten gi-), das im Bairischen des 9. Jahrh. sehr gegen ka-zurücksteht. Das Original aber ist älter und wird etwa um 830 entstandensein. Die Orthographie ist ungewandt und recht fehlerhaft. Der Schreiberschrieb nicht aus dem Gedächtnis, sondern nach einer Vorlage.
Den Titel MuspllU (im Sinne von „Weltbrand") hat dem Gedichte dererste Herausgeber, Schmeller, beigelegt nach dem im v. 57 vorkommendencharakteristischen Worte (vom demo muspille). Es kommt außerdem nochvor im As. N. SL: mätspelli Hei. 4358, G. Si. mutspelles in der Hs. C, mud-spelles in M 2591, und in an. Mäspell, beide Male mit einem Anschein per-
■) Wüllner, Das Hrabanische Glossar, Berlin 1882, S. 136; Piper, Z.f. d. Phil. 15,88—101;Kögel, Grundr. 2 S. 110.