140 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
speziell über die Grammatica. Den Abschluß macht ein allgemeines Werturteilüber die Wissenschaft (Germ. 2, 93 Z. 12—7 von unten): das weltliche Wissenwird dem göttlichen (ars spiritus sancti) entgegengestellt. Wenn es heißt: arscrammatica inimica est deo, so ist damit die Grammatik nur dann gemeint,wenn sie sich allein mit den heidnischen Schriftstellern beschäftigt ohne Rücksichtauf die heiligen Schriften (darüber ist für die ahd. Zeit besonders maßgebendHrabanus Maurus, De Clericorum institutione Lib. III Kap. 18, Migne 107,395 f.).
III. Mit 64b z. 5 (Germ. 94 Z. 21 von oben) setzt der dritte Teil, dieArithmetik, ein. Wie jede Wissenschaft, so ist auch sie nur ein Hilfsmittelder Theologie. „Unde ratio numeri contemnenda non est, quae in malussanctarum scriptiirarum locis quam magna existimanda sit, lucet düigenterintuentibus", Hrab. Maur. a. a. O. Kap. XXII B; darnach führt Hrabanus eineReihe von Beispielen auf für die Bedeutung, die die Zahl für Stellen derBibel, überhaupt fürs kirchliche Leben hat, z. B. denarius numerus creatorisatque creaturae significat scientiam, nam usw. Unter diesem Gesichtspunkteerklären sich die Sätze unseres Kompendiums: De decalogo (geschrieben Decathalogo, Germ. 94 Z. 20 von unten) ist angeführt als ein biblisches Beispielfür die Zehnzahl, das folgende unter 'Hieronimus ait' (Z. 11—19 von unten) istein solches für die Siebenzahl. Zur Arithmetik gehört die Berechnung der Zeit,derComputus, und dahin gehört gerade das letzte Stück des Kompendiums, „Dechronica", worunter die Lebensalter mit den kanonischen Stunden gefaßt sind.
Darauf folgt das Wessobrunner Gebet. Im ersten Kapitel seines Buchesüber die Zeitberechnung (Liber de Computo, Migne 107, 671) handelt Hra-banus Maurus über den Ursprung der Zahlenwissenschaft. Sie kommt vonGott und hat ihren Anfang genommen in der Zeit, wo alles Geschaffeneentstanden ist, das ist: am Anfang der Welt; dann das Zitat aus GenesisKap. I: et factum est vespere et mane dies unus, und weiterhin 'de soleet luna', et sint in signa et tempora et dies et annos: dann ein Zitat ausBoethius (Arithm. I Kap. 2): Omnia quaecunque aprimaeva rerum naturaconstructa sunt, numerorum videntur ratione firmata.
Die Zeitbestimmung also beginnt in dem Lehrgegenstand des Computusbezw. der Arithmetik mit dem Anfang der Welt, damit ist auch der Grundgegeben, weshalb das Wessobrunner Gebet an dieser Stelle niedergeschriebenist: es schildert den Ursprung der ratio numerorum, welche im ersten Kapiteldes Computus, der zur Arithmetik gehört, in der Klosterschule gelehrt wird.
Wie die Lehre von der Grammatica in unserm Kompendium mit derGegenüberstellung von heidnischer und göttlicher Wissenschaft — Wissen-schaft ist Demut, Liebe, Reinheit, Güte — abgeschlossen wird (Germ. S. 93Z. 5 von unten ff.), so wird der Schöpfungsgeschichte des Wessobrunner Gebetsdie Bitte an Gott angefügt, und auch hier der Dualismus der christlichenWeltanschauung zwischen Teufelsdienst und Gottesdienst — Wissenschaft istGottes Willen tun —. Mit dem Gebet ist auch ein wirksamer Abschluß desganzen Kompendiums gewonnen.