136 II- D'e Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Schöpfungsgeschichte. Denn christlich ist An durchaus. Nach der kirch-lichen Legendendichtung sind die Engel vor aller Kreatur geschaffen 1 )(Augustinus de Civitate Dei XI, 9. 32. XII, 15; Hieronymus Ep. ad TitumKap. I; Isidor Sent. I, 10: ante omnem creaturam angeli facti sunt. . . anteomnem creationem mundi creati sunt angeli; für das Mittelalter s. HonoriusAugustodunensis Elucid. 1,6; Petrus Lombardus, Summa Sent. Lib. I Dist.III).Der oberste und schönste der Engel, Lucifer, wollte im Hochmut Gott gleichsein und seinen Stuhl über die Sterne Gottes erheben, da wurde er in dieHölle verstoßen. 2 ) Darauf folgte die Schöpfung der Welt und der Menschen,wie sie auch in der ags. und in der frühmhd. Genesis erzählt wird. Und ebensomußte auch die weitere Erzählung im Wessobrunner Gebet lauten. Umfang-reich kann das was nach v. 9 fehlt, nicht gewesen sein, denn der Stil von Anist knapp und gibt die Tatsachen in rascher Folge.
Der Stil der beiden Teile ist verschieden, der von Ai ist episch, dervon An theologisch. Für den ersten Teil war die sprachliche Form schonin der Überlieferung gegeben, für den zweiten mußte eine neue angewendetwerden; in beiden aber sind die Sprachmittel einfach. Eingeleitet wird dererste Teil durch die Formel: Dat gafregin ih mit firahim, die im Ags. undAs. häufig ist; formelhaft ist auch das im An., Ags. und As. vorkommendeero noh ufhimil. 3 ) Der zweite hat in enteo ni uuenteo eine, ebenfalls alte,Reimformel. Der erste Teil ist negativ: Dat ero ni uuas usw., der zweiteTeil faßt das Negierte zusammen: Dö dar niuuiht ni uuas . .. und ist positiv:dö uuas. Die Sprache des ersten Teils ist lebendiger und phantasievoller,die Prädikate bei sunna ni seein, mano ni liuhta, das Epitheton der mär^oseo geben eine größere Vorstellungsfülle. Im zweiten Teil zeugt die un-geschickte Wiederholung enti dö uuas, enti dar uuärun von geringer Kunst-übung. Mit der Variation manno miltisto zu eino almahtico cot ist eineepische Formel aufgenommen, aber dem Sinne nach entspricht sie auch zu-gleich der religiösen Vorstellung vom Dens mitis, mitissimus. Die Engelsind 'ruhmvolle Geister'; auch das ist biblisch und theologisch: die Engelals Geister stammen aus Psalm 103, 4: qai facis angelos tuos spiritus(Notker übersetzt Du dine geista mdchostpöten; Summa Theol. 37 f. er J115werdin vuirin eingili, geisti heri joch vil edili); in der kirchlichen Literaturvgl. Gregors Homil. Lib. II Hom. XXXIV, 8; Isidors Etymol. VII, 5, 2, danachHrabanus Maurus, De Universo I Kap. 5; Honorius Augustodunensis undPetrus Lombardus a. a. O. Die Darstellung von An ist also nicht die reine,altepische; wenn auch noch Anklänge daran mitwirken, so überwiegt dochder mehr berichtende, geistliche Predigtton.
l ) Sievers, Der Heliand und die ags. ; 3 ) Daß die Formel (MSD. II 3 , 3 f.) nicht ein-
Genesis S. 17 f. I fach lautet erda entihimil, sondern daß vor hi-
) Jesaias 14,12f.: Quomodo cecidisti de mil noch das Präfix «/gesetzt wird, hat seinen
coelo Lucifer, quimane oriebaris? corruistiin terram, quivulnerabas gentes? Qui dicebasin corde tuo: in coelum conscendam, superastra Dei exaltabo solium meurn usw.
Grund wohl darin, daß damit diese beiden zu-sammengehörenden, auch in heidnischenGlau-bensvorstellungenengverbundenenBegriffeineine Stabreimformel gebracht werden konnten.