134 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Das Thema voii Ai ist in negativer Fassung behandelt: die Welt istnicht von Anfang an gewesen, indem wichtige, die sinnliche Welt (mundusvisibilis bei Daniel a. a. O.) ausmachende Bestandteile als noch nicht exi-stierend aufgezählt werden: Erde und Himmel, und dann wieder für jedesdieser beiden Gebiete je drei Naturdinge (aber nicht in systematischer Reihen-folge): Baum, Berg, Meer (Erde), [Stern], Sonne, Mond (Himmel). Außerden Bergen kommen alle diese Teilstücke auch in der Schöpfungsgeschichteder Genesis vor, zugleich aber sind damit auch die wichtigsten Bestimmungendes heidnischen Weltbildes mit genannt, denn Erde und Himmel, Sonne undMond gehören zum germanischen Kultus.
Noch ein anderes Zeugnis außer dem Brief des angelsächsischen Bischofsist beizuziehen. Es kommt aus dem Frankenreiche. Gregor von Tours (s. obenS. 53 Anm. 3) läßt in seiner Geschichte der Franken II, 29 Chlodowechs Gemahlin,die burgundische Chlotilde, als sie ihn zur Taufe beredete, vom Christengottsagen: l ) ille magis coli debet, qui coelum et terratn, mare et omnia, quae ineis sunt, verbo ex non extantibus procreavit. Himmel, Erde und Meer, Sonne,Sterne und Baum sind auch hier neben anderm, weniger Bezeichnenden, dieHauptbestandteile der Welt. Diese gedrängte Schilderung der Schöpfungkommt der Darstellung des Wessobrunner Gebets näher als die der alt-testamentlichen Genesis oder des Psalms 89, 2 2 ), und sie ist sicher christlich.Es ist die traditionelle Form, in welcher die christlichen Bekehrer denSchöpfungsakt den Heiden vortrugen. Die ursprüngliche Fassung dazu hatAugustin gegeben in seinem Büchlein vom ersten Religionsunterricht (Decatechizandis rudibus Kap. 18, vgl. auch Augustinus De symbolo I Kap. 1).Und diesem Typus folgt auch Otfrid in seinem Kapitel In principio eratverbum II, 1, 1 ff.
Das Thema von der Weltschöpfung gehörte auch zu den Vortragsstoffender angelsächsischen Volksdichter. Im Beowulf singt der Skop vom Ursprungder Menschen und von der Schöpfung der Erde durch den Allmächtigen,v. 90 ff. Diese Auffassung folgt nicht lediglich der christlichen Schöpfungs-geschichte, im Vordergrund steht vielmehr der Ursprung des Menschen.Dieses Voranstellen ist nicht biblisch, wohl aber germanisch, denn es wareine ernste Frage der Heiden: was wird nach dem Leben kommen, was istvorher gewesen? (Beda, Hist. Eccl. II, 13). Auch ist das germanische Welt-bild ein anderes als das alttestamentliche der Genesis und von Psalm 89, 2:die Erde ist von Wasser umgeben, es ist der germanische „Mittelgarten",d. i. der umgürtete Raum in der Mitte, got. midjungards m., an. midgardrm.,
1 ) J. Grimm, Mythol. S. 88 f.; Qolther,Mythol. S. 506; s. auch die lateinische „Muster-predigt' aus der Zeit Karls des Großen, dieScherer in der Z. f. d. A. 12 herausgegeben hat,S. 436, 7 f.; hier ist lediglich die Fassung derGenesis wiedergegeben.
2 ) Heinzel, Z. f. d. österr. Gymn. 43 (1892),746 u. Kl. Sehr. S.422; Kögel, LG. 1, 273 f.
Die Psalmstelle braucht dem Dichter nicht vor-geschwebt zu haben, da die Existenz Gottesvor der Welt Dogma war. Der Dichter von Aiwar nicht von ihr beeinflußt, denn es fehltihr das, was in der Schilderung des deutschenGedichtes der feste Mittelpunkt ist, Erde undHimmel.