B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 28. Wessobrunner Gebet. 133
Übersetzung des Gedichtes (Ai und An):
Ai:l Das erfuhr ich unter den Menschen als die größte der Wissenschaften,
daß die Erde nicht war noch der Oberhimmel,
noch Baum . . . noch Berg war
noch irgendein [Stern] noch schien die Sonne5 noch leuchtete der Mond noch [war] das herrliche Meer.
An:
Als da nichts war von Enden und Grenzen,
da war der eine allmächtige Gott,
der Männer mildester, und da waren auch viele mit ihm
ruhmvolle Geister, und der heilige Gott.. . .
Die Verse haben zum Inhalt den Anfang der Welt, das Gedicht ist alsoeine Kosmogonie. Im germanischen Glauben war der Ursprung der Götterund Menschen eine der wichtigsten Lehren. Das Wessobrunner Gebet alsogeht mitten aus dem innersten Gedankenleben des Volkes hervor und gibtAntwort auf eine der bedeutungsvollsten Fragen seiner Weltanschauung, firi-uulzzo x ) meista. Die Antwort aber ist christlich, so wie sie der Missionar dender neuen Lehre Lauschenden gab.
Die Erklärung des Gedichtes hat auszugehen von der christlichen Lehre,die es verbreiten will. Den Kommentar dazu gibt jener schon erwähnte Briefdes Bischofs Daniel von Winchester an Bonifatius (s. oben S. 53 Anm. 3). 2 ) Zuden Hauptpunkten, die der Missionar in den Religionsgesprächen mit den Heidenzu erörtern hat, gehört die Entstehung der Götter und der Welt (Theogonieund Kosmogonie). Die heidnische Lehre von den Göttern steht fest: siesind gezeugt, sie haben einen Anfang. Aber über den Ursprung der Welthat bei den Germanen offenbar kein bestimmter allgemein anerkannterGlaubenssatz geherrscht, denn Daniel setzt für sie eine zweifache Ansichtvoraus: entweder die Welt hat einen Anfang: wer hat sie dann geschaffen?denn sie, die Heiden, können doch für ihre erzeugten Götter vor Erschaffungder Welt (saeculi, der sichtbaren Welt, im Gegensatz zu mundus, der in-telligiblen Welt, der Unendlichkeit) keinen Raum ausfindig machen, wo sieetwa sich aufhielten oder wohnten; oder sie hat immer und ohne Anfangexistiert. Die zweite Meinung nun, die von der Ewigkeit der Welt, muß vondem Geistlichen absolut zurückgewiesen werden, denn es gehört zu denGrundlehren des Christentums, daß die Welt nicht von Anfang an war,sondern von Gott geschaffen wurde; und wer hätte denn auch über die Weltregiert, ehe die Götter geboren waren? Die erste der beiden von dem Missio-nar klar zu legenden Fragen ist eben die Aufgabe unseres Gedichtes: die Welthat einen Anfang, si Iniüiim habuit, quis hunc (erg. mundum) creavitl Demersten Teil des Satzes: 'die Welt hat einen Anfang' entspricht der Inhalt vonAi, die Antwort auf den zweiten Teil 'wer hat sie geschaffen?' gibt An.
') firiuuizzi ist hier das Wissen von denhöchsten Dingen, das dem gewöhnlichen Ver-stände unzugänglich ist.
2 ) Kauffmann, Z. f. d. Phil. 25, 401 f.Golther, Mythol. S. 503 f.