B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 28. Wessobrunner Gebet. 131
Aber die einfachen Worte können zu Kraft und Leidenschaft gesteigert werden,wo sie die Erregung eingibt.
Indessen wir dürfen den Dichter nicht überschätzen. Eigentlich ist dochnur weniges in seinem Werke sein geistiges Eigentum. Inhalt und Form sinddurch die Tradition gegeben, sind Allgemeingut des Volkssängertums. Dievolkstümliche Kunst ist typisch, sie ist an bestimmte herkömmliche Formeln .gebunden und ebenso ist der Inhalt beschränkt auf einen immer wieder-kehrenden Kreis von Anschauungen. So besteht auch das Hildebrandsliedfast nur aus bekannten epischen Motiven und keinen bedeutenderen Zug hatder Dichter selbst hinzugegeben.
Verskunst. 1 ) Die rhythmische Form ist in den althochdeutschen allite-rierenden Gedichten mehr gestört als in den angelsächsischen und auch inden altsächsischen, vielleicht war sie überhaupt unregelmäßiger und dieTechnik roher. Manches mag auch an der schlechten Überlieferung dieserDenkmäler liegen.
Der Versbau ist abwechslungsreicher als im Angelsächsischen, doch istdie Freiheit in der Behandlung der Senkungen nicht so groß wie im Alt-sächsischen.
Es erscheinen kurze Halbzeilen mit je nur einer Senkung zu der be-treffenden Hebung wie cenon müotln 2b, so noch 9a. 21a. (21b). 22a. 25b usw.Dagegen wieder lange mit Steigerung der Zahl der Senkungssilben (Schwell-verse) wie gärutun se iro gMhamun, gürtun sih iro suert äna 5, spenis tnihmit dinem wörtun, will mih dinu speru werpan 40. 2 )
Auffallend groß ist die Zahl der bloß zweistäbigen Verse: zwei Drittelder Langzeilen haben bloß zwei Stabreime. Auch im zweiten MerseburgerZauberspruch und im Muspilli überwiegen die Langzeilen mit zwei Stäben.
Ohne Alliteration sind überliefert v. 15 (der Reim mi:liuti ist nichtursprünglich, da statt niederdeutschem ml hochdeutsches mir anzusetzenist) 3 ) und v. 46.
Rhythmisch und teilweise zugleich auch offenbar inhaltlich fehlerhafteVerse sind 10. 11. 28. 29. 32. 38. 46.*)
§ 28. Das Wessobrunner Gebet.
MSD. Nr. 1 u. II M—8; Braune, LB. Nr. 29 u. S. 189; Piper, Alt. d. Lit S. 139—142, Höf.Epik 3,678-682; Kelle, LG. 1,74-79. 330-332; Kögel, LG. 1,269-276, Grundr. 2 S.89-93;Steinmeyer, Ergebnisse S. 213. — Erste Ausgabe von Bernh. Pez, Thesaurus Anecdotorumnovissimus, Wien 1721, S. 417 f.; Das Lied von Hildebrand und Hadubrand und das Weißen-brunner Gebet usw., herausgegeben durch dieBrüder Grimm, Cassel 1812; W. Wackernagel,Das Wessobrunner Gebet und die Wessobrunner Glossen, Berlin 1827; K. MOllenhoff, Decarmine Wessofontano et de versu ac stropharum usu apud Germanos antiquissimo, Disser-tatio, Berlin 1861; MOllenhoff, Altdeutsche Sprachproben 1871 ff.; W. Wackernagel, Diealtsächsische Bibeldichtung und das Wessobrunner Gebet, Z. f. d. Phil. 1,291—309; W. Scherer,
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') Braune, LB., Lit. Nachw. S. 180.
2 ) Saran, Verslehre S. 233.
3 ) Herm. Möller, Zur ahd. Allitterations-poesie, Kiel und Leipzig 1888, S. 91 f.
4 ) Kögel, LG. 1, 76 f. 216. 219. 221. 222.228 läßt Halbverse statt Langverse zu (Parö-miacus).