130 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Die architektonische Gliederung der Satzteile oder auch ganzer Sätzeberuht auf dem Parallelismus und der Variation (s. oben S. 72).
Eine besondere Art der Variation ist die Koordination durch und, seltenerdurch noch, oder (koordinierte Substantiva, Adjektiva, Adverbia, Verba). Dassind die sogenannten Zweigliedrigen- oder Zwillingsfo'rmeln; auchsynonyme Formeln, wenn beide Teile bedeutungsähnlich sind.
Beschränkt man den Parallelismus auf Sätze, so kann man genauer vonSatzparallelismus reden (paralleler Satzbau). Der ganze Satzbau des Hildebrands-liedes trägt diesen symmetrischen Charakter. Hier nur einige Beispiele: sunu-fatarungo iro saro rihtun, garutun se iro guähamun, gurtun sih iro suett anav. 4 f. (hier ist iro saro rihtun der Oberbegriff, der die beiden andern Sätzeals Teilbegriffe einschließt); oder: hwer sin fater wäri fireo in folche — eddohwelihhes cnuosles du sis 9—11; her was eo folches at ente — imo was eofehta ti leop 27 u. ö. Variation von Satzgliedern ist ebenfalls sehr häufig,aber nur von zwei, nicht von mehr Gliedern: her uuas heröro man, ferahesfrötöro 7 f.; der chuning, Huneo truhtin 33 f.; hrustigiwinnan, rauba birahanen56 f.; wiges warne, güdeagimeinün 59 f. Dagegen kommen selten zweigliedrigeFormeln vor: alte anti fröte 16, ort widar orte 38, sumaro enti wintro 50.
Ein weiteres stilistisches Kunstmittel sind die metaphorischen Um-schreibungen. So wird in der ags. Dichtersprache das Meer genanntWalfischstraße, Schwanenstraße, der Wogen Kampf; das Schiff ist der Wogen-gänger, das Seeholz, der Wogenhengst. In der altnordischen Skaldendichtungist diese Bildersprache — die Metaphern werden in der altnordischen PoetikKenningar genannt — ins Maßlose gesteigert und zur bombastischen Maniergeworden. Die epische Sprache ist dadurch stark bildlich ausgeschmückt underhält das Gepräge einer phantasievollen Rhetorik. Diesen prunkvollen, blühendpoetischen Stil trägt indes nur die angelsächsische und altsächsische Stabreim-dichtung, nicht auch die althochdeutsche. Sie ist einfach und kraftvoll unddamit wohl auch altertümlicher. Ebenso ist das Epitheton ornans, dastypisch wiederkehrende, bloß stilisierende Beiwort, nicht üblich.
Beliebt ist in der epischen Sprache auch die Hyperbel. Der Held istder Tapferste, das Schwert das beste, die Tat die ruhmvollste, die je geschehen. x )Auch hiermit ist das Hildebrandslied sparsam, ein Beispiel ist etwa deganodechisto 26.
Weniger ausgeprägte epische Stilformen sind die Parenthese: flöh herÖtachres nid, eingeschaltet in den Satz forn her östar giweit — hina mitiTheotrihhe 18. 20; Vorstellung des persönlichen Pronomens: garutun se irogädhamun . . . helidos 5f.; Trennung von Satzteilen: luttila sitten prutin bure, barn unwahsan 20 f.
Die Sprache des Hildebrandsliedes ist demnach einfach und klar, siehat etwas Monumentales; sie ist ohne Zierat und verwirrenden Schmuck.
') C. Kraus, Z. f. d. Österreich. Gymnasien ' hyperbolische Stil des mhd. Volksepos, Palae-47 (1896), 348; Leo Wolf, Der groteske und j stra XXV, Berlin 1903.