B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 27. Das Hildebrandslied. 129
bleiben wie beim Lied, d. h. auch das Epos braucht nur einen Gegenstand,eine Fabel in sich zu begreifen, der Stoffkreis kann aber auch erweitertwerden durch Aneinanderreihung mehrerer Themen.
Von den germanischen Stämmen haben im früheren Mittelalter nur dieAngelsachsen den Schritt vom Lied zum umfangreicheren Epos gemacht.Die Bedingungen, unter welchen es geschah, sind uns nicht bekannt. Esmögen Anregungen durch die lateinische, vielleicht auch durch die keltischeLiteratur mitgewirkt haben. Das ags. Beowulflied ist das einzige alte ger-manische Heldenepos (ca. 7. Jahrh.), das wir vollständig besitzen, erhaltensind uns außerdem noch Reste eines ags. Epos von Walther von Aquitanien(s. unten Waltharilied), in breiterem epischen Stil ist auch der ags. Byrhtnothgehalten. Das deutsche volkstümliche Epos verdankt seine Entstehung erst denSpielleuten des 12. Jahrh. (König Rother um 1140) und wurde von den ritter-lichen Dichtern dann zur höchsten Blüte gebracht (Nibelungenlied, Gudrun).
Der Stil des Volksepos ist formelhaft, gleiche Gedanken werden durchgleiche sprachliche Wendungen ausgedrückt (epische„Formeln), die öfterwiederkehren 1 ), so z. B. die Einführungsworte zu Reden: Hiltibrantgimahalta,Heribrantes sunu 7 wie ags. Wiglaf madelode, Weohstänes sunu Beow. 2862;oder gurtun sih Iro suert ana 5 wie ags. 5yrde hlne hls swurde Finnsburg 15;her fragen glstuont föhem uuortun 8 f. wie as. managon uuordon frägon Hei.5276, mid uuordon fr. 3038. 3846; ferahes frötöro 8 wie ags. fröd feoresByrhtn. 317; besonders die epischen Eingangsformeln (MSD. II 3 , 9) Ik glhörtaetat seggen 1, ags. Hyrde ic sec$an Rebh. 1 (Grein-Wülcker3,168); vgl. fernerDat gafregln Ih mit firahim Wessobr. Geb. 1, Daj hörtlh rahhön dia uuerolt-rehtuutson Muspilli 37. Daran schließen sich Beteurungsformeln, welche dieWahrheit des Gesagten bekräftigen: wettu irmlngot obana ab hevane 30;dat sagetun ml usere llutl, alte antl fröte 15 f.; dat sagetun ml seolidante 42.
Charakteristisch fürdieTechnik des germanischen Epos ist das Vorherrschendes Dialogs 2 ) in der Weise, daß die Redeszenen an Umfang die erzählendenTeile weit übertreffen. Die Handlung wird dann nicht vom Dichter erzählt,sondern in den Gesprächen der handelnden Personen weitergeführt (handelndeRede). Im Hildebrandslied haben nur der Eingang (v. 1—8), der Schluß (v. 63bis zum Ausgang) und v. 33—35 die Form der Erzählung, alles andere ist Rede.
') Über den epischen Stil: Müllenhoff, ' Andreas und Elene, S. XL ff.; K. Weinhold,
Z. f. d. A. 23,150 ff.; R. Heinzel, Über den Stil | Spicilegium formularum, quas exantiquissimis
der altgermanischen Poesie, QF. X, Straßburg , QermanorumcarminibuscongessitC.W.,Halis
1875; Fr. Miklosich, Die Darstellung im sla- | 1847; Sievers, HeliandS.389ff.; M.Roediger,
vischen Volksepos, Denkschriften der k. k. Z.f.d.A. 23, Anz. 5, 267 ff.; R.M. Meyer, Die
Akademie in Wien Bd. 38 (1890); J. Seemüller, j altgermanische Poesie nach ihren formelhaften
Abhandlungen zur germanischen Philologie, \ Elementen beschrieben, Berlin 1889; Otto
Festgabe für Heinzel, S.320ff.; F.Vogt, Volks- | Hoffmann, Reimformeln im Westgermani
epos und Nibelungias, Festschrift zur Jahr-hundertfeier der Universität zu Breslau, Breslau1911, S. 508 f.; Osk. Sauer, Die Quellen derChevy-Chaseballade, Diss. Halle 1913. — For-meln: J.Grimm, DRA. S. 1 ff.31 ff.; derselbe,
sehen, Diss. Freiburg i. B. 1885. — Scherer,LG. S. 29; Kögel, LG. 1,333—340.
') A. Heusler, Der Dialog in der alt-germanischen erzählenden Dichtung, Z. f. d. A.46,189—284.
Deutsche Literaturgeschichte. I. 9