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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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128
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128 U. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

Kappabana Kap. 8 und in der damit verwandten Fassung des dänischenChronisten Saxo Grammaticus (um 1200). 1 )

Aber die alte, ernste Sage hat eine schwerwiegende Umbildung erfahren.Das unglückliche Ende wurde ins Gegenteil verkehrt, die schicksalsgewaltigeStimmung wurde zum erheiternden Scherz: Vater und Sohn erkennen sich,versöhnen sich, und den fröhlichen Abschluß bildet die Heimkehr ins Vater-haus, wo Ute, die Mutter, dem Sohn und dem lang in Treuen ersehntenGatten ein Gelage bereitet. Diesen optimistischen Ausgang hat das VolksliedvonHiltebrant, das jüngere Hildebrandslied, 2 ) das in vielen Handschriftenund Drucken des 15. und 16. Jahrh. verbreitet ist, welche auf eine Bearbeitungdes 13. Jahrh. zurückgehen. Eine andere Zeit mit anderer Lebensauffassunghat die Sage umgebildet, das furchtbare Ende wirkte erschreckend auf eineGesellschaft, deren Geschmack sich an einer günstigen Lösung erfreute, wiesie die höfischen Romane boten. Das alte Lied enthält die Offenbarunggroßer, den Menschen zermalmender Schicksale, das jüngere dient zu er-götzendem Spiele. Dort ist der Dichter ein vates, ein schicksalskundigerSeher, hier ein die Gegenwart belustigender Spielmann.

Dieselbe humoristische Wendung hat der Bericht der norwegischenThidrekssaga (Kap. 376 ff.) des 13. Jahrh., die auf altsächsische Lieder zurück-geht. Hier und im jüngeren Hildebrandslied ist der Name des Sohnes 'Alebrand'.

Die älteste Form der germanischen erzählenden Dichtung ist dasepische Lied (s. oben §7). s ) Es stellt eine einheitliche Szene dar, der Stoffist mit Anfang und Ende fest umgrenzt und in die Erzählung drängen sichkeine vom Gesamtbild ablenkenden Motive ein. Die Darstellung ist knappund lebhaft, ein straffes Gefüge Aufmerksamkeit festhaltender Gedanken.Diesen kurzgefaßten Liedstil tragen außer dem Hildebrandslied nur noch dasmittelniederdeutsche Gedicht von Ermenrichs Tod und das angelsächsischeFinnsburgfragment.

Aus dem kürzer gefaßten Lied entwickelt sich das umfangreiche Eposdurch Anschwellung, Verbreiterung des Stils".*) Die Erzählungsweise wirdgemächlicher, an Stelle des knappen, lebhaften Tempos tritt die epischeBreite mit ihrem ruhigen Verweilen selbst bei Nebendingen, mit ihren Schil-derungen und Ausmalungen. Einzelne Züge, die lebhaftes Interesse zu er-wecken geeignet sind, werden variiert, neue Stoffteile, Nebenmotive, werdeneingeschaltet. Der Grundstock des Erzählten kann im Epos dabei derselbe

*) Uhlands Schriften 6, 121 f.; Ferd.Detter, Zwei Fornaldars9gur, Halle 1891;Jiriczek, D. Heldensagen S. 284 ff.; Kauff-mann a. a. O. S. 162 ff.; R. C. Boer, Beitr. 22,342390; Busse a. a. O. S. 38 f.

2 ) Uhland, Volkslieder Nr. 132; im Hel-denbuch Kaspers von der Roen: v. d. Hagenund Primisser, Der Helden Buch in der Ur-sprache, 2.Teil, Berlin 1825, S. 219221 (Deut-sche Gedichte des Mittelalters, hrsg. von v. d.

Hagen und Büsching, 2. Bd.); Steinmeyer inMSD. II s , 2030; Braune, LB., Lit.Nachw.S. 189.Wolframs von Eschenbach Willehalm439,16.

3 ) Die altnordische Epik hat ihre eigeneGeschichte, deshalb wird sie hier außer Be-tracht gelassen. Hier kann es sich nur um diewestgermanische, d. i. die ags., as. und ahd.Formensprache handeln.

4 ) Heusler, Lied und Epos S. 24.