B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 27. Das Hildebrandslied. 125
allmächtige Christengott. Der ganze Inhalt vom Vater-Sohneskampf als einesGottesgerichts aber ist allerdings bedingt durch den germanischen Schicksals-glauben.
Damit zusammen hängt die gesamte Lebensstimmung. Sie istfatalistisch. Das Geschick waltet über dem Menschen und bestimmt ihmLeben und Tod. Die Gedanken sind beim Schicksalsglauben immer aufdas Ende gelenkt. Darum ist hier die Stimmung tragisch, wie überhauptdie germanische Epik Vernichtungskämpfe besingt und ein lebenzerstörendesEnde. Aber es ist nicht das Tragische unserer modernen Empfindung, nichtdas weiche Mitleid oder ein ergebungsvolles Sichbeugen unter den Willeneiner höhern Macht, sondern Stolz und Trotz herrscht hier auch im Unter-gang. Auch fehlt der Begriff der tragischen Schuld, bei den Handlungentritt der moralische Gesichtspunkt ganz zurück. Sie werden nicht unterethischer Wertmessung angesehen, sondern Tat und Folge stehen lediglichunter dem Verhältnis von Ursache und Wirkung, als Ablauf eines Naturgesetzes.Wohl bestimmt das Recht den tragisch erschütternden Ausgang des Gedichtes,aber das Recht selbst ist starre Form und wirkt als Naturgesetz. Ein indi-viduelles Sittengesetz gibt es nicht". Und doch ist gerade im Hildebrands-lied eine starke Vertiefung des Tragischen erzielt. Es ist in das Innere desHelden verlegt, in den Seelenkonflikt des Vaters. Es ist die große Tragikdes inneren Kampfes.
Das Hildebrandslied ist ein Sitten- und Charakterbild aus dem germa-nischen Heroenzeitalter, ein Widerschein großer historischer Ereignisse.Die gewaltigen Umwälzungen der Völkerwanderungszeit bilden den Hinter-grund, Herrschernaturen voll elementaren Machtwillens bestimmen die Ge-schicke der Völker, der germanische Römerkönig Odoaker und der Gründerdes Ostgotenreiches, der große Theodorich. In einem Einzelereignis stellt sichhier das Idealbild eines Heroenlebens dar. Gegenstand der Heldendichtungist der Kampf. Der gefeierte Liebling des Volkes ist der Recke, der ausder Heimat, aus seinem Besitz und dem Kreis der mächtigen Sippe Ver-triebene {friuntlaos man 24), der im Elend sich aus eigener Kraft ein neuesGlück bauen muß. In einfachen und bestimmten Zügen ist das Innenlebendieser Menschen gefaßt. Naiv ist das Empfinden geteilt zwischen Liebe undHaß, dem Freund gilt die Liebe, dem Feind der Haß {her was Ötachreumniet irri, degano dechisto miti Deotrichhe 25 f.). Ein moralisches Ge-setz gibt es: die Treue, das persönliche Pflichtband zwischen Herrn undGefolgsmann (forn her östar glweit... hina miti Theotrihhe 18 f.). Aberdie Treue bezieht sich nur auf den engen Kreis der unter sich Vertrauten,gegen andere ist Mißtrauen geboten und vom Feinde muß man List undBetrug erwarten (v. 37—41).
Eine Eigenschaft ist die notwendige und selbstverständliche Grundlagealles Handelns: der unerschütterliche Mut, der das Leben für nichts achtetund den Tod verachtet; der keine Gefahr kennt, ja dieselbe aufsucht, weil