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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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126 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

er mit elementarer Gewalt zur Betätigung drängt. Der schlimmste Schimpfist die Feigheit (argösto 58); das höchste Streben der Ruhm, und so schließtdie Charakteristik, die der Sohn von dem verschollenen Vater gibt: chüdwas her chönnem mannum 28. Tapferkeit und Ehre macht die Lebensarbeitaus und es gehört zur Sitte, daß die Helden ihre Freude über ihre Kraft-taten in Ruhmreden äußern (v. 5052), in naiver Selbstverherrlichung. Abernicht weniger erstrebenswert als das ideale Gut der Ehre sind äußere Macht-mittel, Reichtum, Gold und glänzende Rüstungen (v. 33 ff., 46 f., 56 f.). Ineinem so veranlagten Naturell herrscht über die andern Seelenkräfte derWille und zwar der Urtrieb zur Selbstbehauptung und Selbsterweiterung,ein maßloses Begehren mit nur geringer Fähigkeit sich zu zügeln (imo waseo fehta ti leop 27, d. i. die ungebändigte Kampfeslust).

Der Stoff 1 ) des Hildebrandsliedes ist die Geschichte vom Kampf desVaters mit dem Sohne. Es ist eine weitverbreitete, bei vielen Völkern be-gegnende Sage, die in verschiedenen Gestaltungen erzählt wird. Nach-gewiesen ist sie in der Literatur der Griechen (Odysseus und Telegonos),Perser (Rustem und Suhrab), Iren (Conlach und Cuchulain), häufig im Alt-französischen, im Mittelhochdeutschen (Biterolf und Dietleip, Alberich undOrtnit, im Wigamur und im Demantin), im Mittelenglischen, im Altnordischen(die Sage von Ann dem Bogenschwinger), Dänischen, Russischen. Die Ver-sionen teilen sich je nach dem Ausgang des Kampfes in zwei Gruppen: derversöhnliche Typus (Vater und Sohn erkennen und versöhnen sich) und dertragische Typus (der Vater ist Sieger, er erschlägt den Sohn). Der letztereist an sich der ältere, und zu ihm gehört auch das Hildebrandslied. Ausdem Lied selbst ist es nicht zu ersehen, da der Schluß fehlt, aber es gehthervor aus dem Aufbau und der Stimmung, die nur eine tragische Lösungerwarten lassen, und außerdem aus direkten Zeugnissen. 2 )

Das Hildebrandslied ist also nicht etwa eine historische Sage, die aufeiner wirklichen Begebenheit beruht, sondern sie gehört zu einem weit-beliebten, internationalen Erzählungsstoff. Dieser wurde auch von den Ost-goten aufgenommen, in ihre Heldensage eingereiht und übertragen auf diePerson des alten Hildebrand, des getreuen Waffenmeisters ihres großen Königs.

Im Mittelpunkt der ostgotischen Heldensage steht eben dieser Theo-dorich der Große (476525), in der Sage Dietrich von Bern (Verona).Hier nun kann man das willkürliche Walten der Sage deutlich beobachten.In Wirklichkeit hat Theodorich den Odoaker, der Nachfolger der römischenImperatoren in Italien, seines Reiches beraubt und schließlich hinrichten lassen.

)überdieSagevonHildebrand:W.GRiMM, | manarich und Dietrich von Bern, Halle 1910;

D. Heldensage 3 , Register S. 516; UhlandsSchriften 1,55 f. 164 ff. 405 ff. 4,153 ff. 7,547 f.;Müllenhoff, Z. f. d. A. 10,179.12,254; Hein-zel, Über die ostgothische Heldensage, bes.S.59ff.; Jiriczek, D. Heldensagen 1, 273 ff.156 f. 329 f.; R. C.Boer, Die Sagen von Er-

Br. Busse, Sagengeschichtliches zum Hilde-brandsliede, Beitr. 26,192; M. A. Potter,Sohrab and Rustem, London 1902 (verfolgtdas Motiv vom Vater-Sohneskampf bei sämt-lichen Völkern).2 ) Busse S. 38.