B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 27. Das Hildebrandslied. 123
Da ließen sie zuerst die Eschenspeere gleiten,scharfe Schauer: das blieb stehen in den Schiiten.65 Dann stapften sie zusammen, spalteten die Schilde,hieben harmvoll die weißen Schilte,und ihnen wurden ihre Lindenschilte klein,zerkämpft mit den Waffen ....
Faßt man den Inhalt kurz nach den einzelnen Bestandteilen, der Hand-lung, den Personen, der Situation, so bietet sich folgendes Bild dar: Diet-rich, d. i. der Ostgotenkönig (Östarliuto v. 58) Theodorich d. Große ist vorOdoaker zu dem Hunnenkönig nach Ungarn geflohen und mit ihm viele seinerGefolgsmannen, unter ihnen der ihm vertrauteste, Hildebrand. Dreißig Jahrelebt Hildebrand in der Verbannung, ein gefeierter Held in den Schlachten desHunnenkönigs. Da kehrt Dietrich mit einem Heer zurück, um sein Reichwieder zu erobern. In der Grenzmark, etwa in Friaul, treffen die feindlichenHeere zusammen, Dietrichs und Odoakers. Sie stellen sich in Schlacht-ordnung auf. Der Sitte gemäß fordern sich vor der Schlacht zwei der treff-lichsten Helden zum Zweikampf heraus, der möglicherweise schon die Ent-scheidung für die beiden Heere bringen kann. Es sind Hildebrand aus derReihe der zurückkehrenden Verbannten, Hadubrand aus dem Heere der beiOdoaker in Italien Zurückgebliebenen. Vater und Sohn kennen sich nicht.Es erhebt sich die übliche Zweikampfrede, die hier den Hauptgegenstand desGedichtes bildet. Der Schluß fehlt. Er war tragisch. Der Vater erschlägtden Sohn.
Gliederung des Gedichtes. Es zerfällt in drei Teile:
I. v. 1—6. Einleitung: v. 1 die epische Eingangsformel (der Dichter ver-sichert, daß er das, was er vortragen will, hat erzählen hören und daß eres nicht selbst erfunden hat).
v. 2—6. Einführung in die Situation (die Herausforderung, die Rüstung).
II. v. 7—62. Hauptteil. Zwiegespräch zwischen Hildebrand und Hadubrand.v. 7—13. Hildebrand redet als älterer zuerst. Frage nach dem Namen
des Gegners.
v. 14—29. Hadubrand nennt seinen und seines Vaters Namen; Schicksalseines Vaters, der Familie; Charakter des Vaters: das alles ist also Berichtder Vorgeschichte.
v. 30—32. Hildebrand gibt sich Hadubrand als Verwandten zu erkennen(die Lücke muß Ausführlicheres enthalten haben).
v. 33—35. Die einzigen erzählenden Verse innerhalb des Dialogs, ent-halten einen Versöhnungsversuch des Vaters.
[a) v. 7—35 enthält die Personenfrage].
v. 36—44. Hadubrand weist die Versöhnung zurück, er hält den Altenfür einen Betrüger.
v. 49—57. Hildebrands Klage über das Geschick, das ihm bevorsteht;dabei ein Blick auf seine Vorgeschichte.
v. 46—48. Hadubrand dagegen stößt die Hohnrede aus.