122 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Kind (Knabe), im Königreich: bekannt ist mir ganz das Gesamtvolk (d.i. das Volk der
Krieger, der Adel)."
Hadubrand sprach, Hildebrands Sohn:15 „Das erzählten mir unsere Leute,
alte und erfahrene, die früherhin waren,
daß Hildebrand heiße mein Vater; ich heiße Hadubrand.
In der Vorzeit ging er nach Osten, floh er Odoakers Haß,
hin mit Dietrich und mit vielen seiner Degen.20 Er ließ im Lande gering sitzen
die junge Frau im Gemach, ein Kind unerwachsen,
des Erbguts verlustig: er ritt nach Osten von hinnen.
Seitdem entstand dem Dietrich Bedürfnis nach meinem Vater (Dietrich bedurfte seiner,
brauchte ihn notwendig):
das war ein so freundloser Mann (Hildebrand war Verbannter ohne den Schutz der Freunde)!25 Er war dem Odoaker unmäßig zornig,
der Degen treuster (?) bei Dietrich.
Er war immer an der Spitze des Kriegsvolkes: ihm war immer der Kampf zu lieb.
Bekannt war er. . . kühnen Männern.
Nicht, wähn ich, hat er noch das Leben. ..."30 „Ich berufe dich, Irmingott [sprach Hildebrand], oben herab vom Himmel (zum Zeugen),
daß du trotzdem noch niemals mit einem so (nah) verwandten Mann
eine Verhandlung geführt hast!"
Er wand da aus dem Arm gewundene Ringe,
aus Kaisermünzen gefertigt, wie sie ihm der König gegeben hatte,35 der Hunnen Herr: „daß ich dir es nun zur Huldversicherung gebe!"
Hadubrand sprach, Hildebrands Sohn:
„Mit dem Speer soll man Gabe empfangen,
Spitze gegen Spitze! ....
Du bist dir, alter Hunne, unmäßig klug,40 verlockst mich mit deinen Worten, willst mich mit deinem Speer werfen!
Du bist ein so alt gewordener Mann, wie du immer Betrug ausgeführt hast!
Das erzählten mir die das Meer befahren
nach Westen über den Wendelsee (das Weltmeer), daß ihn der Kampf weggenommen hat.
Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn!"
45 Hildebrand sprach, Heribrands Sohn:
49 „Weh nun, waltender Gott, Wehgeschick geschieht!
Ich wallte der Sommer und Winter sechzig aus dem Lande,
da wo man mich immer einscharte in das Kriegsheer der Schützen.
Während man mir bei keiner einzigen Feste den Tod beibrachte,
soll mich nun mein eigenes Kind mit dem Schwert hauen, oder ich ihm zum Mörder werden!
55 Doch vermagst du nun leicht, wenn dir deine Kraft taugt,an einem so alten Mann die Rüstung erringen,
57 den Waffenraub erbeuten, wenn du da das einzige Recht (das Recht allein) hast."
46 „Wohl sehe ich an deiner Rüstung,
daß du hast zu Hause einen guten Herrn,48 daß du noch bei diesem Fürsten (bei dieser Regierung) kein Verbannter geworden bist!"
(Worte Hadubrands)
58 „Der soll doch jetzt der feigste [sprach Hildebrand] der Osterleute sein,der dich nun vom Kampf abhielte, nun dich dessen so sehr gelüstet, ■des gemeinsamen Kampfes: versuche, wer kann,
wer von beiden sich heute der Rüstungen rühmen dürfe (oder: sie aufgeben müßte)oder dieser Brünnen beider walten."