B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 27. Das Hildebrandslied. \\7
Gedächtnis aufgezeichnet; Holtzmann 1 ) aber hat bewiesen, daß es Abschriftist: der Text hat keine einheitliche Sprache, keine einheitliche Orthographie,keine Einheit in der Schreibung der Personennamen Hiltibrant und Hadu-brant, die auch als Hiltibraht und Hadubraht vorkommen; auch die Fehlermir für min 13, unti für miti 26, man für man 43, die Wiederholung vondarba gistontun 26 aus v. 23 deuten auf falsches Kopieren der Vorlage.
Die Überlieferung ist an vielen Stellen fehlerhaft. Es sind Lücken vor-handen, indem Langverse nicht vollständig sind (wahrscheinlich v. 10. 11.28. 29. 32. 38. 46). Andrerseits sind die Namen der beiden Redenden zu-gefügt, wo sie nicht im Vers mitzählen (v. 7. 30. 49. 58; in 45 ist die Redefälschlich dem Hiltibrant zugeschrieben). Umgestellt sind v.46—48, die hinterv. 57 gehören (s. unten). Endlich sind einzelne Worte falsch geschrieben:sechsmal steht -braht statt -brant in Hiltibraht, Hadubraht (v. 3. 7. 14. 30. 36.45), was dadurch zu erklären ist, daß die ursprüngliche Vorlage die Abkürzungbt für brant hatte, welches von dem Schreiber einer spätem Kopie fälschlich inbraht (glänzend) aufgelöst wurde, woher es dann die Schreiber unseres Textesübernahmen, h ist im Anlaut einige Male fehlerhafterweise zugesetzt oder weg-gelassen (die Fehler sind in den Varianten in MSD. und Braunes LB. verzeichnet).
Zur Orthographie 2 ) ist zu bemerken, daß sie altsächsische bezw. angel-sächsische Züge enthält: viermal steht am Anfang des Gedichtes ä: äat 1. 2,Hactubrant 3, guähamun 5; das ags. Zeichen F =/ steht in feh&a 27; fürw steht vor Vokal außer uu (bezw. u nach Konsonant, z. B. suasat) in uuas7. 24, uuortum 9, uuet 12, hawwan 53, uualtan 62, das dem p ähnliche ags.Zeichen für w in allen übrigen Fällen, also v. 9. 11. 16. 21. 25. 27. 28. 29. 33.38. 40. 41. 43. 46. 48. 49. 50. 53. 54. 56. 59. 61. 66. 67. 68, wu in wuas 27,wuortun 40; das ags. Zeichen +u in uuas 27, uuortun 40; das ags. Zeichenund w in uuewurt 49. — Angelsächsische Schrift war im achten Jahrhundertin den Klöstern Deutschlands, besonders in Fulda, durch die eingewandertenangelsächsischen Mönche sehr verbreitet.
Die Sprache 3 ) stellt keine einheitliche Mundart dar, vielmehr sind diezwei deutschen Sprachstämme, Hochdeutsch und Niederdeutsch, gemischtund gehen regellos durcheinander. Es ist die Frage, welches der ursprüng-liche Dialekt war, ob also das Hildebrandslied hochdeutschen oder nieder-deutschen Ursprungs ist. Müllenhoff hält die niederdeutschen Formen nichtfür altsächsisch, sondern für altthüringisch oder hessisch und zwar aus einerZeit, da dort die Konsonanten noch auf niederdeutscher Lautstufe standen,d. h. noch nicht verschoben waren; die verschobenen Fälle stammen voneinem spätem hochdeutschen Schreiber, der „ein wesentlich niederdeutschesGedicht zur Aufzeichnung bringen" wollte oder sollte, „aber nur an hoch-deutsche Schrift und Rede gewöhnt" war (Vorrede zu MSD. I 3 , XII f.). Fürniederdeutsch hält Kögel das Gedicht (Grundr. und LG.), Holtzmann dagegen
a ) Germania 9,289—293; Karl Meyer, I 2 ) Kauffmann a.a.O.
ebda 15,17—26. 3 ) Braune, LB., Lit.-Nachw. S. 188.