114 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Für die ritterliche Gesellschaft sind beide Segen bestimmt, der Münchnerschon in seinem — eben besprochenen — Inhalt, der Tobiassegen seinerLebensauffassung nach. Denn durch alle frommen Worte hindurch klingt dieHochschätzung des Weltlebens und seiner höchsten Tugend, der Ehre: dinschirm st diu frie min frowwe sant Marie vor allem widermuote und voraller nöte dines libes, diner sele und diner werltlichen ere 71—76 (vgl.auch den Münchner Ausfahrtssegen 48), und ein Grundgesetz der höfischenErziehung, sich beliebt machen bei den Menschen: holt si dir man undewip 80, steht am Schluß. Auf den Humanismus der Lebensanschauung desRittertums ist auch die Ethik dieses Segensspruches gegründet: hier im Lebensollst du scelic sein 79 und dereinst ebenso bei Gott, v. 83, ganz wie WolframsSittengesetz lautet: wer der Welt Huld behalten kann und doch die Seele vorGott nicht verliert, das ist eine tüchtige Lebensarbeit (Parzival 827,19—24).*)
Sprache und Versbau beider Segen stehen unter dem Einfluß der höfischenDichtkunst, gehören jedoch der älteren Technik an, denn die Reime sindnoch nicht rein. So wurden auch die Segenssprüche von dem neuen Auf-schwung der Dichtung auf eine höhere Stufe gebracht und zu Denkmälernder poetischen Literatur erhoben.
Die Besegnungsformeln (Münch. Ausf. 35—50, Tob. 95—124) fallen indieser Hinsicht gegen die Erzählung ab.
Nahe steht den Reisesegen, welche schließlich das ganze Leben in denSchutz Gottes und der Heiligen stellen, die Johannesminne, 2 ) St. JohannsSegen. Minne ist soviel wie Erinnerung, beim Scheiden wird der Abschieds-trunk im Namen und im Gedächtnis des Evangelisten Johannes getrunken,dabei wird die Gnade und der Schutz Gottes angerufen. Derselbe Gebrauchist St. Gertruden Minne.
In den höfischen Epen werden öfter Besegnungen eingestreut: Parz.507, 23 spricht Gawan einen Wundsegen über einen verletzten Ritter; imErec 8652 geht einem Zweikampf der St. Johannessegen voran; v. 9986—89wird beim Abschied von den Zurückbleibenden über den heimziehendenErec ein Segen in echt ritterlichem Geiste getan: daz got siner eren wielteund im die sele behielte; ebenfalls einen Abschiedssegen gibt die Mutterder weinend von ihr sich trennenden Tochter, v. 1461—63, und im Wigalois159,31 ff. (Pfeiffer) die Dame dem abziehenden Ritter, als sie ihm das Schwertumgürtet.
Die Geschichte der Zaubersprüche ist begründet in der Entwicklungder Kultur und Literatur und macht die von hier aus bedingten Wandlungen
») Auch die in MSD. II 3 , 297 mit demTobiassegen71—76 verglichene Stelle in Hart-manns Rede vom Glauben, Maßmann S. 16,1251—1262, bezieht sich auf den Ritterstand.
2 )St. JohannesMinne, St. GertrudenM i n n e s. J. Grimm, Mythol. S.48-51 u. Nachtr.S. 30 f.; Uhlands Volkslieder Nr. 309; E.H.
Meyer, Germ. Mythol. S.54.178.186. 197 f.213; Golther, Mythol. S. 568; Osw. Zingerle,Johannissegen und Gertrudenminne, WienerSB.40 (1862), 177 ff.; Jul. Petersen, Das Ritter-tum in der Darstellung des Johannes Rothe,QF. 106,155 ff.