B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §26. Zaubersprüche. H3
sie auf das gesamte Wohlergehen des Besegneten gerichtet sind, nicht bloßauf einzelne Zustände, Gefahren, Krankheiten.
Der Münchner Ausfahrtssegen ist ein Morgengebet, womit der seinTagewerk Beginnende sich selbst besegnet. 1 ) Wirklich für eine Reise bestimmtist der Tobiassegen, denn wie im Weingartner Stück spricht hier der Zurück-bleibende den Segen über den Weggehenden. Der alte germanische Typusist hier religiös christlich umgedeutet, die biblische Erzählung von Tobiasbildet die Einkleidung des Gedichtes, sowohl den epischen Eingang (v. 1—14)als den Schluß (v. 84—94).
In beiden Gedichten haben sich noch Anklänge an die germanischenKriegerbesegnungen erhalten (vgl. dazu den Weingartner Reisesegen). DerMünchner Spruch zeigt deutlich diese Entstehung, denn erbeten wird Fest-machung gegen die Waffen der Feinde und Schärfe des eigenen Schwertes(v. 15—32); das heilige Himmelskind sei der Friedeschild, Marien Kleid solldas Friedhemd (Schutzhemd) sein und Gott, der Traute im Himmel, sei dergute Halsberg. Andere Fassungen haben noch die Umgürtung mit den Sieg-ringen bewahrt (MSD. II 3 , 283 v. 3—5 oben ich wil mich begurten mit dengotes Worten, mit den sigeringen, vgl. auch unten v. 5—7 und S. 284 untenv. 3—5). Der ags. Reisesegen bei Grein-Wülcker, Bibl. 1,328 ff., ist noch ganzin kriegerischem Geiste, in v. 1 u. 6 sind noch germanische Formeln erhalten:Sy^e^ealdor ic bemale, sijejyrd ic me we^e, wordsije and worcsije, se medese; die Hilfe des Sieggottes (das war Wodan) wird erfleht v. 33. Der Sieg-ring, Sieggürtel, war ein Zauberring, Zaubergürtel, der um einen Körperteilgeschlungen wurde. Aber in den mhd. Besegnungen bedeuten die Siegringesymbolisch die Worte Gottes, und die Rüstung des um den Schutz des HerrnBittenden soll die eines christlichen Ritters sein. Zwar wird der Segen ge-sprochen gegen Feuer, Wogen, Waffen, doch nicht mehr bloß zur Verhütungäußerer Gefahren wie im Weingartner Reisesegen, sondern auch innerer, derGefahren der Seele, zur Wehr gegen houpthaftige sunden (v. 47 f.), alles imBewußtsein, daß allein Gottes Gnade dem Menschen Schutz gewährt undwir seiner Barmherzigkeit bedürfen: miserere nobis.
Mit dem Weingartner Reisesegen gemein ist den beiden Gedichten dieBesegnung gegen Wogen und Waffen: da st ich Mute gesegent vor viwerunt vor wäge, vor aller slahte wäfen Münchner Ausf. 44—46, diu helle stdir vor versperret, allez übel si vor dir verirret. Daz paradis si dir offen,elliu wäfen sin vor dir verslozzen Tobiassegen 49—52. An der zweitenStelle blickt noch das Bild von dem offenen und verschlossenen Tor durch.Dieselben Formeln sind in andern spätem Sprüchen häufig, natürlich mitVariationen: MSD. II 3 283,11 ff. 285,14 f. (unten). 286 (Einsiedler Hs.). 287,15 ff. 33 f. 289 Z. 12 von oben. 290. 296.
') Ausfahrt ist nicht im Sinne von Reisezu verstehen, denn dieser Segen wird nichtwie ein Reisesegen von oder zu einem Ab-
Deutsche Literaturgeschichte. I.
schiednehmenden gesprochen, sondern ist fürdie Ausfahrt in das Leben gemeint, die mitjedem Tag wieder anhebt.