Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
112
Einzelbild herunterladen
 

112 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

1. Der Milstäter Blutsegen.

MSD. Nr. 47,1 u. II 3 ,272276. Mart. Müller S. 19.

Vergleicht man diesen Spruch mit dem alten Blutsegen von Genzan undJordan, so fällt sofort ein Rückgang in der Darstellungsart auf. Dort wirdin kurzen markigen Zügen eine lebensvolle Szene vorgeführt, hier bestehtder epische Teil aus einer oberflächlichen Aufzählung einiger Punkte aus demLeben Jesu und seiner Taufe durch Johannes (v. 16); die darauffolgendeBesprechungsformel (v. 714) ist durch Wiederholungen gegenüber der Er-zählung ühertrieben in die Länge gezogen.

Noch dürftiger ist der Blutsegen

Ad fluxum sanguinis narium,der ebenfalls in der Pariser Hs. Nr. 229 enthalten ist.

MSD. II 3 , 275; Morel-Fatio, Z. f. d. A. 23, 436 f.; Scherer, Sitzungsberichte der BerlinerAkademie 1885 S. 579 u. Kl. Sehr. 1,582; Kögel, LG. 2,161 f., Grundr. 2 S. 67.

Hier ist von der Handlung nichts übrig als Christ unde Jöhan giengonzuo der (so!) Jordan, sprach Christ.

Ähnlich ist ein lateinischer Spruch, der in einer vatikanischen Handschriftdes Edictus Hrotharit steht, aus dem 9./10. Jahrhundert (MSD. ebda).

2. Wurmsegen.

MSD. Nr. 47,2 u. II 3 , 276281. Mart. Müller S. 20.

Zwei Fassungen, dem 12. Jh. angehörig (Hss.: A. München, B. St. Lambrechtin Steiermark). So wie der heilige Christ Job heilte, als er auf dem Mistelag, die Eiterbeulen ihm aufbrachen und die Würmer herausliefen, so solldieser Wurm, der den Kranken verzehrt, tot sein.

Älter ist ein Wurmsegen gegen das Vieh,

Contra vermes pecus edentes,ebenfalls in der Pariser Hs. 229.

Morel-Fatio a. a. O. S. 437; Scherer, Berliner SB. a. a. O. u. Kl. Sehr. 1,587. Kögel,LG. 2,158.

Die Sonne wird beschworen beim heiligen Germanus, so lange nichtzu scheinen, bis dem Tier die Würmer aus sind (bis es geheilt ist). Zugrundeliegt ein Zug aus der Legende des heiligen Germanus: derselbe nie vorSonnenuntergang. Die Form fiehe weist auf alemannischen Dialekt. Die vierVerse zerfallen in zwei Reimpaare, v. 1 u. 2 sind außerdem durch Stabreimgebunden. Sie haben Sprechakzent. 1 )

3. 4. Die beiden folgenden Stücke von MSD. Nr. 47, 3 u. 4 u. II 3 ,281305 (s. außerdem Mart. Müller S. 21; Piper, Nachtr. S. 201203), derMünchner Ausfahrtssegen (Hs.: Kgl. Bibliothek in München, Cod. lat.23374, um 1200) und der Tobiassegen (der in etwa einem Dutzend starkvariierender Fassungen überliefert ist) gehören inhaltlich zusammen, insofern

') Die rhythmische Herstellung des viertenVerses bei Kögel ist nicht richtig, denn zwischendemo und fiehe mußte, wie die lateinischeVorschrift die colorem zeigt, die Farbe des

Tieres genannt werden, also etwa: e demoröten (oder swarzen, blanken ...) fiehe, vgl.die lat.-deutsche Anweisung zu dem SegenAd equum erraehet MSD. II 3 , 303.