110 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
10. Ad equum errgehet (gegen Gliedersteifheit der Pferde).
M S D. II 3 ,303; Kögel, LG. 2,157 f., Grundr. 2 S. 68. — Erster Druck von A. Morel-Fatio,Z. f. d. A. 23,437. — Scherer, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1885, 581 ff. und Kl. Sehr.1,584—587; Ebermann S. 13.
Hs.: Nationalbibliothek in Paris Nr. 229, Bl. 9b, auf demselben Blatt wieder Segen Contra cadueum morbum. Der Dialekt ist rheinfränkisch.
Mhd. diu rcehe ist Gliedersteifheit (s. oben S. 101), adj. rcehe steif, errcehetPart. perf. pass. zum verb. errcehen steif machen.
Eine kleine Geschichte wird erzählt, wie ein Mann seines Weges geht,sein Roß mit den Händen ziehend. Da begegnete ihm der Herr mit seinerBarmherzigkeit. „Weshalb, Mann, gehst du zu Fuß, weshalb reitest du nicht?"„Was kann ich reiten? Mein Roß ist lahm geworden." „Nun ziehe es daan der Seite, raune ihm ins Ohr, tritt es an den rechten Fuß, so wird esvon der Lähmung geheilt werden." Die Formel, die ins Ohr geraunt werdensoll, ist nicht angegeben. 1 ) — Aus dem Zauberspruch ist eine Legende ge-worden, in welcher der Heiland menschlich gedacht ist, wie er auf der Erdegeht, mit den einfachen Leuten spricht und sie belehrt. Der Stil ist der einergermanischen Ballade, wo der Dialog über die Erzählung vorherrscht. Literatur-geschichtlich ist das Gedicht von einzigartigem Werte als Beispiel eines volks-tümlichen Liedchens aus dem 11 ./12. Jahrhundert. Einfach ist auch die metrischeForm. Es sind zwölf Verse von vier Hebungen, die in drei vierzeilige Strophengegliedert sind. Sie sind paarweise gereimt (Assonanzen), v. 1 f. sind nichtgebunden (oder es ist mit Scherer a. a. O. statt wege zu lesen lande).
Auf das Gedicht folgt eine aus lateinischen und deutschen Worten ge-mischte Vorschrift für die bei der Besegung vorzunehmende Handlung undeine prosaische Zauberformel. Die Sprachmischung deutet ebenfalls auf dieerste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Ein sehr altertümlicher, aber nur in abgerissenen Worten und Sätzenerhaltener Spruch gegen die Gliedsteifheit der Pferde ist
1.1. Contra rehin.
MSD. II 3 , 302 f.; Kögel, LG. 2,162 f. — Zuerst veröffentlicht von W. Wackernagel, Z. f. d. A.3,41; K. Hofmann, Münchner SB. 1870,519—521; Piper, Z.f. d.Phil. 13,476; Münchener Texte,hrsg. von Friedr. Wilhelm, Heft VIII, 63; J. Baechtold, Gesch. d. deutschen Literatur in derSchweiz, Anm. S. 5 f.
Hs.: Wasserkirche zu Zürich C 58/275, Ende des 12. Jhs., unter lateinischenSegen gegen den Schluß des mittelhochdeutschen sog. Züricher ArzneibuchsBl. 93b, s.W Wackernagel, Ad. Predigten S.253—255; Piper, Z.f. d.Phil.13, 466—476; Wilhelm a. a. O. S. 53—64.
Die Kernworte des Spruchs sind nicht zu entziffern. Sie haben wohlgerade in ihrer geheimnisvoll rätselhaften Form für wirksam gegolten. Auch
') Ebenfalls in (dextram) aurem geraunt j aurem equi dicas) Z. 18 von unten. In diesem
wird der folgende Segen Contra rehin (11.), | sind auch die Beschwörungsworte angeführt,
MSD. II 3 , 302 Z. 23 von unten, und die an j beginnend mit Marhphar.dieser Stelle folgende lateinische Formel (in \