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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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106
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106 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

heimkomme oder heil sein Reiseziel erreiche; insbesondere einem in denKrieg Ziehenden, um ihn vor Kriegsgefahren zu schützen.

In den beiden Eingangsversen legt der Zurückbleibende seine Abschieds-gebärde dar: er blickt dem Ausziehenden nach und segnet ihn mit den fünfFingern der ausgestreckten (rechten) Hand, womit er ihm symbolisch in formel-hafter Zahl fünfundfünfzig schützende Engel mit auf den Weg sendet, denn dieEngel sind die sorgsamen Geleiter der Menschen. Die Reisesegen haben ihrenUrsprung in der biblischen Erzählung vom Abschied des jungen Tobias: ihngeleitet der Engel Raphael und sein Vater spricht über die Scheidenden denAbschiedssegen (Tobias 5, 23). Ein Morgensegen des 14. Jahrhunderts lautetganz ähnlich dem Weingartner Reisesegen: Heute ich us ge, min engil mitmir gen, dri min waldin, dri mich behalden, dri mich beschirmin, z'abendezu gutir herberge brengin, daz mir in den wogin gesche kein ungenade,daz mich kein wafen versnide usw. 1 ) Und noch heute spricht das Kind denAbendsegen, wie er am Anfang des 16. Jahrhunderts lautete: Ich will heyndtschlaffen gehen, Zwölff Engel mit mir gehen, Zwen zun haupten, Zwenzun seilten, Zwen zun fassen, Zwen die mich decken, Zwen die mich wecken,Zwen die mich weisen Zu dem hymlischen Paradeyse, Amen.-)

Der Mittelpunkt, der Hauptsatz, in dem der Inhalt in einfachen Wortenausgesprochen wird, ist v. 3:Gott möge dich mit Gesundheit heimsenden."Dies ist die bei Abschiedssegen geläufige Formel (MSD. II 3 , 296 f.; C. Kraus,Deutsche Gedichte des 12. Jhs. S. 259; vgl. auch den Schluß des WienerHundesegens und Lorscher Bienensegen v. 2). Die auf die Formel in v. 3folgenden beiden Endzeilen enthalten eine bildliche Ausmalung des Segens-wunsches. Es ist die Vorstellung von je zwei offenen und zwei verschlossenenToren, dem des Sieges und Glücks, 8 ) und dem der Wogen und der Waffen;die einen führen zum Gelingen, die andern zum Verderben.

Viel Empfindung liegt in diesem Gedichtchen. Schon der Inhalt, dasAbschiednehmen von einem geliebten Menschen, vielleicht auf Nimmer-wiedersehen, erweckt Stimmung. Und sie ist anschaulich ausgedrückt inpoetischen Worten.

Die Versform ist alliterierend, zudem sind die Halbzeilen durch Gleich-klang gebunden. Der Schwerpunkt liegt ganz auf den Stäben, der Rhythmuswirkt kaum mit, es sind nicht mehr altepische Verse. Die mittlere Zeile fällt

1 ) Schönbach, Z. f. d.A. 29, 348; MSD. I vorhergehenden segildor). Das Salden tor,II 3 , 290. Tor des Glücks (vgl. J. Grimm, Mythol., Nachtr.

2 ) WACKERNAGEL,Lesebuch 5 (1873), 1510; S. 261; Wackernagel, Z. f. d. A. 2,535537)

Abendsegen und andere Fassungen, mitgeteiltvon Reinh. Köhler, Germania 5, 448456.11,435445; ein altnordischer Spruch, auf-gezeichnet am Ende des 14. Jahrh., angeführtvon Konr. Maurer, Germania 12, 234236.3 ) Die Hs. hat selgi dor, was verschriebenoder in der mündlichen Überlieferung desSpruches entstellt ist aus seldidor (Assimi-lation des d von seldidor an das g in dem

ist am bekanntesten aus den Eingangswortenvon Walthers v. d. Vogelweide Spruch Mir istverspart dersceldentor (Lachmann 20,31;Wilmanns Ausgabe in der Anmerkung zu 20,31). Daran klingt dann Walthers Morgensegenan: Mit scelden müeze ich hiute üfsten 24,18und der Vers vom Engel Gabriel als schützen-dem Geleiter :mitsceldenrlcherhuotepflacdinGabriel 24, 28 f.