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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 26.

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Die beiden ersten Zeilen haben, auch in einzelnen Stileigenheiten, den-selben Bau wie die entsprechenden Verse des zweiten Merseburger Spruches,welche Erzählungsform dann auch in anderen Sprüchen vorkommt: Pholende Uuodan = Genzan unde Jordan; vuorun [zi holza] ke'ken [samantsozzon]; du [uuart usw.] = to [uersoz]: zwei gehen miteinander, da erleidetder eine einen Unfall. Die v. 3 und 4 unseres Spruches sind die auch sonstin späteren Blutstillungssprüchen, besonders in den Jordansegen, üblichenFormeln (s. bes. MSD. II 3 , 273275. 285 Z. 12. 13 von unten).

Der Name Jordan weist unmittelbar auf einen Jordansegen. 1 ) DasTertium comparationis zwischen dem erzählten Ereignis und der Blutstillungim einzelnen Fall ist das Stillstehen des Jordan. Ein solches fand statt aufden Befehl Gottes durch Josua (Jos. 3,716) 2 ) und wurde dann legendarischauf die Taufe Jesu im Jordan übertragen; denn nur beim Zug Josuas bliebdas Wasser des Jordan still stehen, nicht auch bei der Taufe Jesu. UnserSegen geht von der ursprünglichen, alttestamentlichen Überlieferung aus,wie sie auch im Vorauer Moses erzählt wird (Diemer, Deutsche Gedichte desXI. u. XII. Jhs. 68,4 ff.; MSD. II », 276): Jesus (d. i. Josua) der gute hirfe, dernam moyseses gerte. Er sluc si an den iordan, do inbarte sich der grüntsa. Hier ist Josua schon mit Jesus zusammengebracht. 3 )

Nun wird aber mit dem Wort ke'ken ( gingen) hier und auch in demfolgenden Teile des Straßburger Blutsegens (v. 5) eine andere Szene dar-gestellt: die beiden Personen gingen miteinander. Das paßt nicht zurJosuageschichte. Dieses Motiv erklärt sich aus dem Bamberger Blutsegen(12. Jh.): 4 ) Crlst unte iudas spülten mit spieza, do zvart der heiligoXrist wnd in sine siton. Die Grundlage für diesen legendarischen Zug findetsich in einer apokryphen Kindheitsgeschichte Jesu (das syrische, bezw. arabischeEvangelium infantiae arabicum): 6 ) ein Knabe, Judas mit Namen, spielte mitJesus und stieß ihn in die rechte Seite. Aber der Kern dieser Erzählung,der Stoß in die Seite des Jesusknaben, ist eine Übertragung aus der Ge-schichte des Gekreuzigten: sed unus militum lancea latus ejus aperuit etcontinuo exivit sanguis et aqua Joh. 19,34; das Ev. infantiae arabicum deutetselbst auf diese symbolische Entstehung der Kindergeschichte hin. Damit aberist ein zweiter umfangreicher Zweig der Blutstillungssprüche hereingezogen,das sind die Longinussegen. Denn jener unus militum des Johannes-evangeliums hat von der Legende den Namen Longinus erhalten und wurde alsLonginus mit der Lanze zum christlichen Ritter {Longinus miles) und Märtyrer.

') Zu diesen s. Ebermann S. 24 ff.

2 ) Es ist die Variation des Motivs vonExodus 14,16. 21, wo Moses das rote Meerdurch Aufrecken des Stabes spaltet. Über bild-liche Darstellungen von Josua und dem Jordans. Ferd. Piper, Mythologie der christlichenKunst, 2. Abtheil., Weimar 1851, S. 514.

3 ) Genzan ist also = Josua und kann eineEntstellung dieses Namens sein, wie ja in den

Segenssprüchen Verdrehungen der Wörter sehrhäufig sind. Die Endung -an konnte veranlaßtsein aus dem Bestreben, einen Gleichklang zuJordan zu bilden.

*) Leitschuh, Z.f.d.A.33, Anz. 15,216;Kögel, LG. 1, 263 f.; Ebermann S. 4345;Adolf Jacoby, Z. f. d. A. 54,200209.

5 ) Jacoby a. a. O. S. 201 f.