102 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
4. Contra Vermes (Wurmsegen).
Literatur s. Spruch 3 (spurihalz).
Hss.: A, dieselbe wie für Nr. 3, Wien 751; der Spruch folgt auf den vonder Pferdelähmung; B. Kgl. Bibliothek in München, Cod. lat. 18524 ausTegernsee, 9. Jh., auf der letzten Seite der Hs., Bl. 203 (s. auch Ahd. Gl.
4, 564). A ist altsächsisch, B oberdeutsch. Beide Fassungen sind nichtwesentlich verschieden. Die Form ist Prosa.
Die Würmer galten als Erzeuger verschiedenartiger Krankheiten, manglaubte sie in den betreffenden Körperteilen sitzen, wo sie Geschwüre,Wunden, Gliederschwund, Krämpfe, Nagen, Stechen, Reißen, Gicht, Zahnwehu. dgl. verursachten. Der Wurm (nesso) sitzt mit neun jungen Würmern (nessik-linori) in dem Mark der kranken Stelle, von da soll er herausgehen in dasBein, in das Fleisch, in die Haut, schließlich in den Pfeil (der an den bösenFleck gehalten wurde). Soweit der Spruch. Der Pfeil sollte dann den Wurmfortschießen, und zwar in den wilden Wald, 1 ) wo die Dämonen wohnen, vonwelchen die Krankheiten herrühren.
Die Wurmsegen waren und sind noch heutzutage sehr im Gebrauche 2 )und Ähnliches findet sich auch schon im Altindischen. 3 ) Eine besondereAbart sind die Hiobsegen, nach der Erzählung der Bibel, wie der von GottGeschlagene im Miste lag, mit bösen Schwären von der Fußsohle an bisauf seinen Scheitel.
5. Straßburger Blutsegen.
MSD. Nr. 4, 6 u. II 3 , 52 f.; Piper, Alt. d. Lit. S. 158; Kögel, LG. 1,262—265, Grundr. 2
5. 66. — Erster Druck von J. Grimm, Über zwei entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschenHeidentums, Abhandl. der Akademie zu Berlin 1842 S. 26 ff. und Kl. Sehr. 2,1—29. — J. Grimm,Über Marcellus Burdigalensis, Abhandl. der Akademie zu Berlin (1847) 1849,457 f. und Kl. Sehr.2,147 f.; C. Kraus, Z. f. d. Österreich. Gymnasien 47 (1896), 337; V. J. Mansikka, Über russischeZauberformeln mit Berücksichtigung der Blut- und Verrenkungssegen, Diss. Helsingfors 1909;Mart. Müller S. 19; Ebermann S. 42 ff.
Hs.: Straßburg, 11. Jh., bei der Belagerung im Jahr 1870 verbrannt.
Der Dialekt ist oberdeutsch, am ehesten alemannisch [kieken für gierigen;heiz für hiez begegnet hier öfter, doch auch im Bairischen).
Drei verschiedene Sprüche sind hier zusammen verbunden, die jedochden gleichen Zweck haben, nämlich, wie in der Unterschrift am Schluß an-gegeben ist, 'ad stringendum sanguinem', das Blut zu stillen.
Der Text des ersten und des zweiten Teils ist sehr verdorben.
I. v. 1—4 „Genzan und Jordan gingen zusammen Geschosse werfen.Da verschoß Genzan dem Jordan die Seite. Da blieb das Blut stehen. Sosoll dieses Blut stehen bleiben. Stehe, Blut!"
') So auch in dem ags. Segen gegenHexenstich, Grein-Wülcker 1,319,1—3, undin einem mhd. Spruch des 14./15. Jahrh., MSD.II 3 , 278: hier hausen sie wie Drachen in einemBirkenwald.
-) Andere Wurmsegen s. MSD. Nr. 47,2 u.II 3 , 276—281; Roethe, Z. f. d. A. 43 Anz. 25,220 f.
s ) Kuhn, Z. f. vergleichende Sprachfor-schung 13,135—151.