100 II- D'E Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
der Göttinnen. Über allen aber steht der höchste Gott, Wuodan. Er alleinbesitzt auch erst die Kraft, durch seinen Zauberspruch die Verletzung zu heilen.Die Zauberformel ist indogermanisches Gemeingut, sie findet sich schonim Altindischen. 1 ) Ob sie auch schon in der Zeit des indogermanischenVolkszusammenhangs entstanden ist, das kann nicht mit Bestimmtheit be-hauptet werden. Sie kann von einem der indogermanischen Völker aus sichzu den andern verbreitet haben.
2. Der Wiener Hundesegen.
MSD. Nr. 4, 3 u. II 3 , 48f.; Braune, LB. Nr.31,2 u. S. 192; Piper, Alt. d. Lit. S. 158;Kelle, LG. 1,67.323; Kögel, LG. 1, 260 f., Grundr. 2 S. 64 f. — Erste Ausgabe von Th. G. vonKarajan, Zwei bisher unbekannte deutsche Sprachdenkmale aus heidnischer Zeit. Mit einerTafel (Faksimile), Wiener SB. 25 (1858), 308 ff.; J. Diemer, Beiträge zur älteren deutschen Spracheund Literatur XVII, Wiener SB. 27 (1860), 337 ff.; Faksimile bei Enneccerus 7. — J. Grimm,Mythol.S. 1037 u.Nachtr.S.371. 499; Müllenhoff, Z.f. d.A. 11,257—262; Schmeller, Bayr.Wb. 2 2, 902; C. Kraus, Z. f. d. Österreich. Gymn. 47 (1896), 336 f.; Mart. Müller S. 22.
Hs.: K. K. Hofbibliothek in Wien Nr. 552,10. Jh., 112 Bl, enthält Heiligen-passionen. Der Segen ist Bl. 107b von einer andern Hand auf eine freieStelle eingetragen; es folgt darauf noch ein lateinischer Spruch Contra ser-pentem. Aufgefunden wurde der Spruch 1857 von Fr. Miklosich.
Der Dialekt ist bairisch.
Der Segen, in Prosa abgefaßt, ist gesprochen zum Schutz für die Hunde,daß die Wölfe ihnen nicht schaden, und war wohl in engerem Sinn einHirtensegen für Schäferhunde. 11 )
Z. 1. 2 3 ) enthalten die Erzählung und zugleich die Einführung der Per-sonen, Z. 3—6 sind ein Gebet, Z. 7. 8 folgt die Besprechung. Das epischeMoment tritt ganz zurück, die Form ist vielmehr die eines Bittgebets.
Die Personen sind Christus und St. Martin,*) der Christes Hirte genanntwird. Er ist der Schutzpatron der Tiere, errettet sie aus Gefahren, vor Ver-folgern. Wahrscheinlich aber ist der christliche Spruch Umwandlung einesheidnischen, mit Einsetzung christlicher Personen an Stelle heidnischer Götter.
Der Segen ist verwandt mit den Diebssprüchen (auch uuolf ode diobweist darauf hin), um gestohlenes oder verlorenes Vieh wieder zu bekommen. 5 )In der Einleitung hat er Ähnlichkeit mit den ags. Diebssprüchen A und B(Grein-Wülcker, Bibl. 1, 323 ff.). Der Schluß wiederum trifft zusammen mitSegenswünschen in den Ausfahrtssprüchen, auch mit v. 2b des LorscherBienensegens (s. unten S. 107 f.).
1 ) Verbreitung des zweiten MerseburgerZauberspruchs: J. Grimm, Mythol. S. 1030 bis1032 u. Nachtr. S. 369 f.; Kuhns, Z. f. verglei-chende Sprachforschung 13,58 ff. 151 ff.; MSD.II 3 , 47; Ebermann S. 1—24; Bugge, StudienS.296ff.; ferner Z.f. d. A. 21,211; ebda 24, 68;Germania 8, 62 f.; Z. f. d. Phil. 4, 468 f.
2 ) Vom Diebstahl der Hunde handeltKap. VI der Lex Salica 'De furtibus canum',speziell von den Schäferhunden Kap. VI, 3:
Si quis pastoralem canem furaverit.
3 ) Die Vers- bezw. Zeilenzitate beziehensich hier und im folgenden auf die betr. Aus-gaben in Braunes Ahd. Lesebuch.
4 ) S. Martin als Hirte s. Martin, Z. f. d.Phil. 24, 226.
5 ) Eine nah verwandte altenglische Fas-sung (12. Jh.) veröffentlicht R. Priebsch, Aca-demy 1896, 428.