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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 26.

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nachträglich übergeschrieben) genannt ist, in den Wald. 1 ) Balders Pferd ver-renkt den Fuß. Um ihn zu heilen, sprechen der Reihe nach zwei Paare vonGöttinnen, je zwei Schwestern, den Segen über die verletzte Stelle, zuletztaber, da die Heilversuche jener keinen Erfolg haben, greift Wuodan selbstein. Er kennt die heilkräftige Formel. Und die hilft. 2 ) Hier wie im erstenSpruch sind es Frauen, die die Besprechung übernehmen. Das erste Paar 3 )ist dem Himmelsbogen entnommen (dem üfhimil, dem Himmel oben, Wesso-brunner Gebet v. 2). Sinthgunt ist nur eine Teilbezeichnung für das Wesen derSunna, Sonne, ein Walkürenname für diese, entnommen aus einer ihrer Eigen-schaften: g. sinps m. Gang, ahd. sind m. Weg, Reise in gasind m. der Gefährte;Sinthgunt also ist die Sonne genannt, da sie den Weg am Himmel hin überdie Welt macht. 4 ) Dann ist aus der Verkörperung der einzelnen Eigenschafteine von dem Ganzen, der Sunna, getrennte, selbständige Persönlichkeitgeworden (eine in der Mythologisierung häufig vorkommende Synekdoche,die 'Hypostasierung'). In demselben gegenseitigen Verhältnis steht das zweitePaar: Friia ist die Gattin des Himmelsgottes, hier Wuodans, die Fruchtbarkeitbringende Gottheit der Erde. Volla, in der nordischen Mythologie die Dienerinder Frigg (Friia), bezeichnet noch prägnanter die Fülle der Fruchtbarkeit,wie die römische Copia oder Abundantia. 6 ) In der Anordnung der Götterliegt eine Steigerung: das erste Paar, Sinthgunt und Sunna, steht an Würdedem zweiten nach, denn Frija, die Gemahlin Wuodans, ist die vornehmste

') zi holze faran (J. Grimm, Mythol.,Nachtr. S.369f., vgl. zi holze ni flüc du, Lor-scher Bienensegen MSD. Nr. 16,4; Fleoh pwron fyrsen im ags. Spruch gegen den Hexen-schuß.GREiN-WüLCKER 1,319,1 (MSD. II 3 , 301),to wudu fleo$an ebenda 320,9. Der wilde Waldsteht im Gegensatz zu den von Menschen be-wohnten und geschützten Gegenden als dieStätte der Unkultur, der Gefahren und bösenGeister, wo die Verbannten hingewiesen wer-den (Walther von der Vogelweide 'in den Waldwünschen', Lachmann 35,18 und Wilmanns'Walther in der Anmerkung zu dieser Stelle;Kaiserchronik (Edw. Schröder), 12185; Fr.Pfeiffer, Wiener SB. 52 (1866), 13 = For-schung und Kritik 2, 13; Hildebrand, Ge-sammelte Aufsätze und Vorträge S. 210; imVolksmärchen: Joh. Siuts, Jenseitsmotive imdeutschen Volksmärchen, Teutonia Heft 19,S.30ft). Durch das 'in den Wald reiten' wirdgleich im Eingang eine unbehagliche Situationangedeutet.

2 ) Auch in dem ags. Neunkrautersegenbesitzt Woden das heilkräftige Mittel, Grein-Wülcker 1,322,32 f.

3 ) J. Grimm, Mythol. S.185. 256. 587 f.,Nachtr. S. 92 f. 205 f.; Z. f. d. A. 2,188190 u.Kl.Sehr.7,9698; E. H. Meyer, Germ.Mythol.S. 23.186.202.269.293 u. Register S. 343 unterSonne; Golther, Mythol. S. 437 ff. 486 f.;R. M. Meyer, Religionsgesch. S. 51 f. 104f. 638;Kauffmann, Beitr. 15, 207210; Gering, Z.

f. d.Phil. 26,145149; Kauffmann u. Geringebda S. 454467; Ehrismann ebda 42, 359;Kögel, LG. 1,92; Ferd.Wrede, Die 'Schwester'im Sprachatlas und die Merseburger Zauber-sprüche, mit einer Karte (als im Druck befind-lich angezeigt).

4 ) Vgl. Otfrid I, 5, 5 sunnun päd.

') Die Entwicklung der Mythologisierung,d. i. der Übergang aus der Anschauung einesNaturvorgangs zurPersonifizierung desselben,kann man hier gut beobachten. In dem ags.Erdspruch wird auf die segenspendende Erdeder Begriff des 'Anfüllens' unmittelbar an-gewendet: 3efyllan pas foldan die Erde an-füllen, Hai wees pu, folde ... fodre sefylledfirum to nytte Heil sei dir Erde, mit Nahrunggefüllt, den Menschen zum Nutzen, Grein-WOlcker 1,314,3437.4956.316,6769.7378. Man sieht auch, wie aus dem Ganzenein bestimmter Teil betont wird: die Erde wirdapperzipiert als die Fülle gewährende. Diepoetische Phantasie bildet dann zwei Gestalten,Erde und Fülle. Endlich ist die Vergleichungdes ags. und des ahd. Spruches lehrreich fürden Unterschied der niederen und der höherenReligion, des primitiven Glaubens und derMythologie: im ags. Spruch sind die Natur-dinge, die Erde und ihre Fülle, noch nichtlosgelöst von der Anschauung der Wirklich-keit, im ahd. Spruch sind sie mythologisiert,d. h. in eine poetische Götterwelt erhoben.

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