98 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Ein Krieger ist von den Feinden gefangen genommen worden. Die Er-zählung geht von den Erlebnissen des Gefangenen aus. Idise, 1 ) Walküren,Schlachtjungfrauen, fliegen durch die Lüfte und lassen sich nach verschiedenenRichtungen auf die Erde herab. Es sind drei Scharen. Sie sind dem Ge-fangenen und seinem Heer günstig gesinnt. Der erste Haufe befindet sichhinter dem Heer der Landsleute des Gefangenen, sie fesseln die gefangeneingebrachten Feinde; der zweite Haufe wirft sich dem feindlichen Heerentgegen; der dritte, der befreiende, erscheint hinter dem Heer der Feindeund löst die Bande des befreundeten Gefangenen, dem der Spruch gilt. 2 )Soweit, von v. 1—3, geht der erzählende Teil, v. 4 enthält die beschwörendeFormel.
Gesprochen wurde der Segen entweder vom Gefangenen selbst, soferner ihn wußte, oder auch von Angehörigen seines Volkes, also wohl vonzauberkundigen Frauen von der Ferne aus. 3 )
b) Der zweite Spruch, gegen die Beinverrenkung eines Pferdes. Phol(d. i. Baider) und Wuodan ritten in den Wald, da ward dem Rosse Balderssein Fuß verrenkt. Da besprach ihn (den Fuß) Sinthgunt [und] Sunna ihreSchwester; da besprach ihn Friia [und] Volla ihre Schwester; da besprachihn Wuodan so gut er es verstand (= der es aufs beste verstand): sei esBeinverrenkung, sei es Blutverrenkung, sei es 4 ) Gliederverrenkung: Bein zuBein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt wären.
v. 1—5 ist der epische Teil, v. 10—13 die Zauberformel.
Die hier begegnenden Götternamen sind neben der Götterdreiheit inder altsächsischen Abschwörungsformel (s. unten) und 'Doner' in dem SpruchContra caducum morbum (s. S. 108 f.) die einzigen, die in der ahd. Literaturvorkommen. Eine ganze Göttergesellschaft tritt auf. Wuodan reitet mit demLichtgott Baider, der hier in der ersten Zeile Phol 5 ) (das h ist übrigens erst
durch die Lüfte zur Erde nehmen —, die hier eine christliche Parallele in Honorius Au-
durch den Stabreim und durch das veraltete gustodunensisSpec.eccl.,Mignel72,1086.
itis eine altertümlich germanische Färbung Der heilige Bandenlöser ist der besonders in
trägt. Aber urgermanisch können die zwei Baiern verehrte S. Leonhard.
ersten Formeln nicht sein, da päd und straza \ 4 ) Zu den anaphorischen söse = so so,
Lehnwörter sind. Der Weg durch den Weltraumist in gelehrt geistlichem Stil dargestellt Ot-frid V, 17, 25—36.
>) idisi s. J. Grimm, Mythol. S. 332 f.;Müllenhoff, DAK.4,205.563; E.H.Meyer,Germ. Mythol. S. 23. 166 f. 176; Golther,Mythol. S. 104 ff.; R. M. Meyer, Religionsgesch.S. 158 ff.; Kögel, Beitr. 16, 502—508; Kauff-mann, Baider, Straßburg 1902, Register S.308(Valkyrjur); E. Brate, Z. f. d. Wortforschung13,143—152; G. Neckel, Walhall S. 82—84.
so wie, ist zu vergleichen die Aufzählung indem ags. Zauberspruch gegen den Hexenschuß(Grein-Wülckerl,318,23f.)3///n7 wcereesa'iescot, oääe hit wcere ylfa $escot, ocMe hitwoere hce$tessan r 5escot; ähnlich swa ... swa... swa ebenda S. 325,15 f., wä ... wä ... wäin der Schwäbischen Trauformel, MSD. Nr. 99.5 ) Zu Phol vgl. bes. J. Grimm, Mythol.,Register S.530; E. H. Meyer, Germ. Mythol.,Register S. 337; Golther, Mythol. S. 384 f.;Sophus Bugge, Studien über die Entstehung
2 ) Drei hilfreiche Scharen vonjeneun | der nordischen Götter- und Heldensagen, über-Walküren sind es auch im Lied von Helgi, j setzt von Osk. Brenner, München 1889,dem Sohn Hjorwards Str. 27f. I S.296ff.; Fr.Kauffmann, Beitr. 15,207—210;
3 ) In die Ferne wirkender Zauber: Helm,.Beitr. 35, 318. Nordische Haftsprüche s. MSD.II 3 , 45 f.; andere Lösungssprüche s. auchJ. Grimm, Mythol. S. 1029f. u. Nachtr. S.369;
derselbe, Baider S.221; Gering, Z. f.d. Phil.26,145—149; Kauffmann und Gering, ebdaS. 454—467.