94 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
die Macht des Königs sein eigenes Recht trotzig verteidigt, gebannt zumRecken wird und dann durch Verrat ein tragisches Ende findet; der schlaueImmo, der durch List über den Gegner siegt. Tapferkeit und List, der gegendie Gewalt sich auflehnende Recke und der treulose Verräter, diese Zügekehren in der germanischen Sage immer wieder und bilden die ethischenPole; aber freilich, die edelste Eigenschaft des germanischen Heldenideals,die Treue, ist in diesen Gestalten nicht vertreten. Neu hinzugekommen sindzu den Figuren des germanischen Heldenliedes der Typus des geistlichenKriegsmannes. Die Kleriker haben damit eine neue Ballade mit geistlichenHelden geschaffen, sie haben den kriegerischen Bischof, eine Gestaltaus der Wirklichkeit, eingeführt, in der sich Gottesstaat und Weltstaat ver-einigte.
Spottlieder 1 ) sind uns, abgesehen von dem erhaltenen Spottversauf Liubene (s. unten), literarisch bezeugt. Als Ludwig der Fromme einmalzur Kirche ging, sagte zu ihm ein Possenreißer in Spielmannsweise, inironischer Hindeutung auf seine Abneigung gegen die Fahrenden: „Heildir Ludwig, daß du so viele Menschen an einem Tage hast kleidenkönnen! Bei Christus! Niemand in Europa hat heute mehr Leuten Kleidergeschenkt als du, außer Atto," was der Kaiser als Scherz und Narrenpossenmit freundlicher Miene aufnahm. 2 ) Ein Spottvers ging unter dem Volk umauf den Herzog Heinrich IL, den Zänker, von Baiern, da er Otto III. vomThron zu verdrängen suchte: Domino nolente voluit duxHenricus regnare. 3 )Auf den Bischof Gebehard von Speier sangen die Bewohner einer Stadt einSpottlied und führten dazu einen Reigen auf (1105). 4 )
Erzählungen und Schwanke waren in althochdeutscher Zeit zahlreichim Umlauf, denn groß war die Lust am Fabulieren bei Laien und Geistlichen.Sie fallen unter die Gattung des Spell, zu der auch die in den Kirchen-ordnungen verpönten lügenhaften und unnützen Geschichten gehören. Vondieser Art waren sie denn auch großenteils. Der Geist der Zeit war frei, dieLust am Leben war nicht ganz aus den Klostermauern verbannt und diehohen Kirchenfürsten führten nur allzu oft ein Weltleben.
*) Kelle, LG. 1,72.124.329.350; Kögel,LG. 1, 208. 2,163—165.196, Grundr.- S. 68 f.
2 ) Monachus Sangallensis II, 21.
s ) Thietmar von Merseburg, Chronik V, 1,Mon. Germ. Script. III, 79 f.; Lachmann, Kl.Sehr. S. 453; Schönbach, Z. f. d. A. 28, Anz.10, 312 Anm.
4 ) Historia monasterii Hirsaugiensis, Mon.Germ. Script. XIV, 257 f.; C. Kraus, Z. f. d. Öster-reich. Gymnasien 45 (1894), 132. Kögel, LG.1,208, schließt daraus, daß Spottlieder zumTanze gesungen worden seien. Aber der Fallliegt hier umgekehrt: der Spottvers wurde vonTanz und mimischen Gebärden begleitet. —Als Beleg für die altdeutsche Sitte, Spottliederzu singen, wird auch eine Stelle in Notkers
Psalmen (Ps.68,13) angeführt (MSD. II 3 , 155;Kögel, LG. 2,163 f.): Et in me psallebant quibibebant uinum Säzzun ze uuine unde sangenföne mir. So tuönt noh kenudge, singentföne detno der in iro ünreht uueret. Aber dasDeutsche ist hier durchweg der lateinischenErklärung nachgebildet, die Augustinus inseinem Psalmenkommentar dem Vulgatatextezufügt und die Worte So tuönt noh kenudge,die auf die Gegenwart, auf Notkers Zeit, zudeuten scheinen („noch heute ist es ein üblerBrauch" Kögel), sind dem quotidie Uli inmembris eius contingit Augustins entnommen(Ernst Henrici, Die Quellen vonNotkersPsal-men, QF. 29, 1878, S. 187).