96 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
manischen Kunstform, in Stabreimen, erhalten sind. Die heimischen Stoffeund damit die alte Formensprache wurde von der Kirche verdrängt. Zwarmußten die Geistlichen zunächst auch für ihre religiösen Dichtungen dasnationale Prinzip der Alliteration anwenden, aber bald setzten sie an dessenStelle ein neues, in den romanischen Literaturen vorbereitetes Kunstmittel,den Endreim. Damit bezeichnet Otfrids Evangelienbuch den Beginn einerneuen Kunstperiode, der Reimdichtung, genauer der Endreimdichtung. Nurvier alliterierende althochdeutsche Dichtungen besitzen wir: 1. die Merse-burger Zaubersprüche (diese und die andern Sprüche, die Reste von Stab-reimversen enthalten, als eine Nummer gerechnet); 2. das Hildebrandslied;3. das Wessobrunner Gebet; 4. Muspilli; zusammen mit nicht ganz 200 Versen.Weit größeren Umfang hat die altsächsische Stabreimdichtung mit dem Heliandund der as. Genesis (über 6300 Verse).
§ 26. Zaubersprüche.
MSD. Nr. 4.16.47 u. II \ 42—55. 90—92. 272—305; Braune, LB. Nr. 31 S. 191 f., Nr. 45S. 199; Wackernagel l 2 , 54. 72 f. 108. 350. 408 f.; Piper, Alt. d. Lit. S. 157f., Nachtr. S. 198bis 204, Höf. Epik 3, 683—700; Kelle, LG. 1, 65—68. 230 f. 322 f. 393; KöGEL, LG. 1, 84—95.259—267. 2,152—165, Grundr. 2 S. 63—68; Mart. Müller, Über die Stilform der altdeutschenZaubersprüche bis 1300, Kieler Diss. 1901 (Literatur S. 18ff.); Osk. Ebermann, Blut-und Wund-segen in ihrer Entwickelung dargestellt, Palaestra 24, Berlin 1903 (Literatur S. VI— X); MariaBrie, Der germanische, insbes. der englische Zauberspruch, Mitteilungen der schlesischenGesellschaft für Volkskunde Heft 16,1—36; Fr. Hälsig, Der Zauberspruch bei den Germanenbis um die Mitte des 16. Jahrhunderts, Diss. Leipzig 1910; R. M. Meyer, Trier und Merseburg,Z.f. d. A. 52,390—396; K. Krohn, Gott. gel. Anz. 1912, 213—223; Edw. Schröder, Z.f.d.A.52,179L —Sammlungen: A.KuHN,Z.f.vergleichendeSprachforschungl3,49—74.113—157;J. Grimm, Mythol. Kap. XXXVIII (= S. 1023—1044) u. Nachtr. S. 363—373.492—508; UhlandsSchriften 3,244ff. u. Anm. S. 343 ff.; A. Schönbach, Analecta Graeciensia, Graz 1893; derselbe,Zeugnisse Bertholds von Regensburg zur Volkskunde, Wiener SB. 142 (1900), 2. Stück; AdolfWuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart 2 S. 221—259, bes. S. 156—179 u. Re-gister S. 499; Müllenhoff, Sagen S. 508—520; Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche ausMecklenburg, Bd. 2, Wien 1880, S. 318—460; Ant. Birlinger, Aus Schwaben, Bd. 1, Wiesbaden1874, S. 441—463; s. oben § 13 S. 40—53.
1. Die Merseburger Zaubersprüche.
MSD. Nr. 4,1 u. 2 u. II 3 , 42—47; Braune, LB. Nr. 31 u. S. 191 f.; Piper, Alt. d. Lit. S. 157,Nachtr. S. 198 f.; Kelle, LG. 1,65—67.322; Kogel, LG. 1,85—93, Grundr. 2 S.63f.; Stein-meyer, Ergebnisse S. 215. — Erste Ausgabe von J. Grimm, Über zwei entdeckte Gedichte ausder Zeit des deutschen Heidentums, Abhandl. der Berliner Akademie 1842, S. 1—24 u. Kl. Sehr.2,1—28. — J. Grimm, Mythol. S. 1029—1032 u. Nachtr. S.369f.; derselbe, Z.f. d. A.2,188—190.252—257.5,69—72 u. Kl. Sehr. 7,96—98.101—106.173—175; Kuhn, Z.f. verglei chende Sprach-forschung 13, 51—63. 153 f.; E. L. Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch 1,281—288;H. Usener, Hessische Blätter für Volkskunde 1, 2—4; Martin Müller S. 18; EbermannS. 1 ff. 145 f. — Nachbildungen: J. Grimm, Abhandl. der Berliner Akad. a. a. O.; Sievers, DasHildebrandslied usw., Halle 1872; Enneccerus 5.
Als die einzigen deutschen Denkmäler, die in ihrem Ursprung in dieheidnische Zeit zurückreichen, die einzigen, die heidnischen Götterglaubenin unverfälschter Gestalt zum Inhalt haben, sind die beiden MerseburgerZaubersprüche für unsere Literatur von besonderer Bedeutung.